Der Philosoph und Schriftsteller Karl Löwith starb, sechsundsiebzigjährig, am 24. Mai in Heidelberg. Daß die Öffentlichkeit erst am Tage seines Begräbnisses, fast eine Woche später, davon erfuhr, entsprach seinem Wesen, dem alles Pathetische und Prätentiöse fern lag, dem Bescheidenheit und Zurückhaltung wichtige Tugenden waren.

Sein Tod bedeutet den Verlust des schärfsten und zugleich fairsten Kritikers zeitgenössischer Philosophie, die sich auf ihrem progressiven Weg in den dogmatischen Marxismus unaufhaltsam der Selbstaufgabe nähert. „Ein Marxist“ – so urteilte Löwith 1969 in einem berühmten Interview, „der sich selbst versteht, kann keine Philosophie neben sich dulden. Marxismus, wie ihn Marx selber verstand, ist faktisch mit Philosophie unvereinbar. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil schon der junge Marx klipp und klar erklärt hat, daß es nach Vollendung der deutschen spekulativen Philosophie darauf ankomme, die Philosophie als solche aufzuheben und sie in der sozialen Praxis zu verwirklichen.“

Aber auch allen anderen zeitgenössischen philosophischen Schulen galt Löwiths Kritik, dem Positivismus oder der Phänomenologie Husserls, dem Existentialismus der „Weltentwürfe“ seines Lehrers Heidegger oder dem seines Heidelberger Vorgängers Karl Jaspers, der „nur eine neue Weltorientierung“ kenne, aber auf die „Ewige Welt-Ordnung“ verzichte, wie es auch die Existenzphilosophie Sartres und alle anderen Philosophien der letzten Jahrhunderte getan hätten.

„Ewige Welt-Ordnung“ – das ist klassischstes Altertum, griechische Antike. In ihr war Karl Löwith zu Hause, dahin die moderne Philosophie zurückzubringen war sein Wunsch. Zu diesem Zweck erforschte er die jüdisch-christliche Metaphysik und deren Einflüsse auf die Philosophie bis in unsere Tage, und er warf ihr vor, daß sie „den antiken Kosmos zugunsten des transzendenten Schöpfergottes entthront und die Welt als Schöpfung im Menschen als ihrer ‚Krone‘ gipfeln“ läßt.

Die voranschreitende Säkularisierung, so kritisierte Karl Löwith weiter, habe schließlich dieses Weltbild auf das Rudiment eines zwar „souverän-schöpferischen“, aber aller „vorgegebenen und unveränderlichen Naturordnung“ enthobenen Menschen reduziert. Dem sei das immer noch gültige, weil einfach „dem Menschen gemäße“ Weltbild Platos entgegenzusetzen, für den „das Ordnungsprinzip des Weltalls und der Seele sowie der Gemeinschaft der Menschen ein und dasselbe ist“. Burckhardts philosophische Absage an den Historismus und Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die Löwith als „den ersten und bis heute tragenden Versuch“ deutete, „auf der Spitze der weltverlorenen Modernität zur kosmologischen Weltsicht der Griechen zurückzukehren“, wurden ihm verbindlich und für seine nach rückwärts gerichtete Utopie grundlegend.

Karl Löwith gehörte keiner gängigen, zeitgenössischen Schule an. Darin mag ein Grund zu sehen sei, daß er über die Fachwelt hinaus kaum zu größerer Popularität gelangte. Seine Schriften jedoch, vor allem das Hauptwerk „Von Hegel zu Nietzsche“, gehören zu den epochalen Bereicherungen europäischen Denkens und moderner deutscher Philosophie. Gerd Mahr