Eigentlich ist das „Säurekopf“-Zeitalter, die acid-Epoche, jene sich für ewig und zukunftsweisend haltende Mischung aus Trip-Seligkeit, Ausflip-Egozentrik und Mediums-Massage-Überzeugung schon vorbei. Heathcote Williams’ Stück „Wechselstrom/Gleichstrom“(„AC/DC“) ist eine Art Fanfarenstoß für jene „Neueste Stimmung im Westen“, wie Martin Walser das neue Selbstverständnis genannt hatte, das seine „blaue Blume“ auf Irrsinnsreisen in einen neuen Irrationalismus suchte, die gesellschaftliche Wirkung für die heilbringende Ursache nahm.

Daß ein „Zeitalter“, welches sich selbst als solches deklariert, oft nicht so lange wie ein Stück braucht, um von der Londoner Uraufführung zur deutschen Erstaufführung zu reisen, kann man ohne sarkastische Bosheit konstatieren: denn für die Hamburger Premiere von „Wechselstrom/Gleichstrom“ ist ja wichtig zu fragen, was ein Stück noch transportiert, wenn es nicht mehr das Fanal einer fiebrigen Bewegung ist.

Zwei Voraussetzungen macht Williams, die der Betrachter teilen, zumindest akzeptieren muß, wenn er dem Stück folgen will. Einmal die Voraussetzung, daß Bewußtsein ganz „materiell“ gefaßt und gedeutet wird, daß es sich in Sätzen, Botschaften, Auseinandersetzungen ganz real als Energie-Gewinn oder -verlust, als Aufladung oder Entladung, als Raub oder Bereicherung auf das Hirn des Partners überträgt. Diese ganz und gar körperliche, schmerzliche und lustvolle Erfahrung von Sprache (der Bannkraft des Worts bei Primitiven verwandt) ist ja ein Kennzeichen der Schizophrenie, und so sind die Theaterhelden von Williams in der Hauptsache drei Schizos: Was im Rauschzustand nur kurzzeitig und vorübergehend angeflogen wird, ist bei ihnen eine ebenso gefahrwie lustvolle Dauerreise, ist der totale Versuch, aus der Gesellschaft und ihren normal-verrückten Normen auszusteigen.

Die Gefahr eines solchen Verfahrens: Kann man als (Theater-)Figur ganz für sich sein, in eigene Assoziationen und private Bildwelten verstrickt, wenn man doch auf kommunikative Teilnahme des Publikums angewiesen ist? Ist „AC/DC“ also ein Stück für Insider, Eingeweihte, die es heute so ja gar nicht mehr gibt?

Der Gewinn dieser materialisierten Geistesenergie: ihre kritisch-satirische Überschätzung und Überzeichnung der Vergeudung und des Verschleißes von Energie durch sogenannte Massenidole wie die Beatles, die Fernsehnachrichtensprecher oder Marylin Monroe. Hier zeichnet das Stück ein wirksam überdrehtes Schreckbild einer totalen Kommunikation, die uns die Hirnwände mit vorgestanzten Abziehbildern volltapeziert und vollschmiert.

Aber Williams hat noch eine zweite, ganz und gar materielle Voraussetzung. Glück und Lust, Befreiung und Unterwerfung sind nur im Orgasmus zu fassen. Hirnerlebnisse werden als Fick-Erlebnisse umschrieben, mit fast magischem Regenzauber wird eine unio mystica beschworen, die nicht mehr Leib/Seele heißt, sondern, in der rüden Sprache von Williams, Schwanz/Hirn.

Wie gesagt, die Stimmung, die das Stück trug, scheint mir weitgehend verflogen: Der Underground der dropouts ist nicht mehr das Elysium einer ganzen Generation. Und so kann man, hinter den Williamsschen Voraussetzungen, die nach der Londoner Uraufführung von begeisterten Kritikern als der theatralische Schritt ins einundzwanzigste Jahrhundert gefeiert wurden, inzwischen nüchterner folgenden Sachverhalt feststellen: