Der Mensch muß aus dem erstarrten Normenkorsett befreit werden – Gerade die Theologen müßten veraltete Vorstellungen ausräumen

Von Paul Schulz

Und es kam plötzlich ein Brausen vom Himmel wie ein gewaltiger Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen sich zerteilende Zungen wie von Feuer, und es ließ sich auf einen jeden von ihnen nieder. Und sie wurden alle.vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, mit anderen Zungen zu reden, wie der Geist sie sprechen ließ.“ So beschreibt Lukas im Zweiten Kapitel seiner Apostelgeschichte die Entstehung der Kirche.

Dieser Text wird zu Pfingsten wieder in vielen Predigten Funken schlagen. Viele Gläubige werden wieder über die Wunderbarkeiten der ersten Tage der Kirche staunen und die „sterile Rationalität“ in der gegenwärtigen Kirche beklagen. Deshalb gilt es, eine kurze Standortbestimmung zum Thema „Kirche“ vorzunehmen.

Die ersten Christen standen unter einem ungeheuren Zeitdruck. Aus ihrer Sicht hatten sich die Ereignisse in Jerusalem um Ostern des Jahres 30 geradezu überschlagen: Jesus in Jerusalem, Verurteilung, Kreuzigung, Auferstehung, Erscheinungen, Himmelfahrt. Nun erwarteten alle, daß dieser Jesus in Kürze wiederkommen würde – als Herr der Welt, als Richter der Menschen, als König des neuen Reiches Gottes.

Der Apostel Paulus etwa war durch diese Hoffnung, Jesu Erscheinen stünde unmittelbar bevor, besonders stark motiviert. Dafür mußte die Welt vorbereitet werden, und deshalb trieb er unermüdlich Mission: Im östlichen Teil des Römischen Reiches war er bereits gewesen; in den westlichen Teil des Römischen Reiches hinein plante er, bis Spanien das Evangelium zu verkündigen; schließlich käme noch Israel, das alte Gottesvolk, hinzu – lange konnte es nicht mehr dauern! Christus kommt! Wie ein Schlachtruf riß dieser Satz viele Menschen mit, gab ihnen Hoffnung, sicherte ihnen die Zukunft.

Nun hält man einen derartigen Erwartungsdruck nicht unbegrenzt aus. Denn was passierte? Nichts! Jesus kam nicht wieder. Zumindest schien sich seine Wiederkunft erheblich zu verzögern. Manche Christen wurden nervös. Sie schrieben Paulus, was denn eigentlich los wäre. Ihre ältesten Christen stürben bereits weg. Erleben diese Toten die Wiederkunft Jesu etwa nicht? Paulus beruhigt, Paulus redet herunter: Der Herr wird schon kommen! Beim Schall der Trompeten wird das Reich Gottes da sein. Alle werden dann mitgerissen – bald! (1. Thessalonicher 4, 13 ff.). Und was passierte? Nichts! Mit der Verzögerung der Endereignisse wuchs die Unruhe in der Urgemeinde, drohte ihre Hoffnung in Resignation umzuschlagen.