Von Christa Rotzoll

Karin, eine fünfundzwanzigjährige Studentin, ist mit einem künftigen Arzt verheiratet, dem Vater ihrer kleinen Tochter, und liebt einen Literaten, den sie Z. nennt. Sie wird (und wollte unbedingt) ein Kind von Z. haben. Trotzdem mag sich Z., der schon zwei Söhne hat und zwei geschiedene Frauen, nicht noch einmal binden. Karin spricht manchmal von Selbstmord, was ihre Eltern sehr erschreckt und Z., der sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt, mehr verstimmt. Z. schreibt Gedichte, er beteiligt sich an Fernsehdiskussionen und sogar an Sitzungen des PEN-Präsidiums. Karin kommt mit ihrer Doktorarbeit schlecht voran, haßt „diese Gesellschaft“ und drückt sich so gelehrt und andererseits kernig aus, wie das von jungen Linken, jungen Akademikern erwartet werden darf. Sensibilisieren, humanisieren, perpetuieren und – ganz klar – reflektieren sind ihr altvertraute Tätigkeiten, und die Wortverbindungen mit „Scheiße“ das Naturheilmittel gegen Lebensferne. –

Karin Struck läßt einige ihrer Tagebucheintragungen als „Roman“ verbreiten –

Karin Struck: „Klassenliebe“, Roman; edition suhrkamp 629, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 281 S., 7,– DM.

In diesem Buch rollt auf nun auch nicht mehr ganz ungewohnte Weise einiges durcheinander: Erinnerungsbrocken und die noch sehr akute Z.-Geschichte, frische Naturgenüsse, Gesprächsteile, Leserückstände. Die Verfasserin schreibt alles nieder, wie es kommt. Sie reagiert auf Außenreize, wie die Fachleute dergleichen nennen, läßt sich ablenken und läßt sich treiben und steuert dann wieder ihre Lieblingsgegenstände an. Ihr tut das höchstwahrscheinlich gut. Und auch ein – allerdings recht ausgesuchtes – Publikum wüßte vielleicht die Ungezwungenheit zu schätzen, den forschen Themen- und Schauplatzwechsel, wenn die Autorin dieses Publikum ein bißchen weniger verachtet. Spricht Karins Vater? Oder ihr Bruder? Zitiert sie aus einem Roman? Und aus welchem? Müssen wir den Burschen kennen, der da etwas über Freud „sagt“? Wenn – nur Frau Struck weiß, worüber sie redet! Ob wir bei der „Identitätssuche“ auch folgen können, ist ihr doch egal,

Warum ist aber aus der großen Schar der ruppigen, belesenen und auch nicht dummen Universitätsmädchen gerade die eine, Karin Struck, zur Suhrkamp-Autorin erwählt worden? Der Titel „Klassenliebe“ zeigt die Richtung an. Karins Vater war Bauer, noch in der DDR, dann Arbeiter, jetzt ist er Postbote. Wenn sie an den Tag ihrer Konfirmation zurückdenkt, sieht sie „Massen leerer Bierflaschen“ vor sich. Sie sei, hat später der Psychologe im Arbeitsamt festgestellt, nicht allzu intelligent, „aber fleißig und ausdauernd Eine Arzttochter fand er dagegen hochintelligent. Karin klagt über hartnäckige Aufstiegsbeschwerden: „Der Hauptgrund für einen Selbstmord wäre wohl, daß ich mit meiner Lage zwischen den Klassen nicht fertig werde.“

Wirklich? Die Postbotentochter hat ja keinen Herrentreiber geheiratet und keinen Kegelbruder. Sie ist bei den Intellektuellen angelangt, bei den Literaten und den Filmemachern, einige sind schon prominent. Sie hat Freunde und kennt den Jargon. Mehr ist nicht zu wollen. Auch die Kinder feiner Kaufleute und ordentlicher Professoren haben beim Übergang in solche Kreise Meinungen und Redensarten abzustreifen. Karin leidet darunter, daß ihre Eltern gern mit ihr „angeben“ und einen Selbstmord auch deshalb verübeln würden. Doch auch bürgerliche Eltern sind nicht gerade froh, wenn eine Tochter kein Examen macht, sondern sich lieber umbringt.

„Diese beschissenen Linken“, schreibt Karin Struck, „kriegen ein Leuchten in die Augen, wenn sie nur das Wort ‚Arbeiter‘ hören ...“ Sie weiß, wovon sie spricht. Und ihr Verleger weiß erst recht, warum er ihre Klagen druckt. Das Leuchten in seinen Augen.