Von Helmut Schneider

Bernhard Pankok ist nicht vergessen, sein Name ist in allen wichtigen Abhandlungen über den Jugendstil zu finden. Aber er ist auch nicht allgemein bekannt, mit seinem Schaffen verbindet sich keine präzise Vorstellung. Das ist einfach zu erklären: In der Literatur wird Pankoks Werk immer nur bruchstückweise vorgeführt, und ausgestellt war es auch noch nie in vollem Umfang. Ein Versäumnis, das durchaus zu bedauern ist, wie die umfassende Retrospektive zeigt, die das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart jetzt zur Nachfeier von Pankoks hundertstem Geburtstag und zur Erinnerung seines dreißigsten Todestags veranstaltet.

Die Präsentation des Gesamtwerks macht deutlich, daß Pankok (geboren 1872 in Münster/Westfalen, gestorben 1943 in München) zu den zentralen Gestalten der – von Friedrich Ahlers-Hestermann so benannten – "Stilwende" um 1900 gehörte. Unter den Neuerern war er einer der einfallsreichsten und ganz ohne Zweifel der vielseitigste, Henry van de Velde mit eingeschlossen. Er hat sich mit so gut wie allen künstlerischen Techniken und Materialien beschäftigt – er war Maler, Buchkünstler, Graphiker, Freskant, Entwerfer von Möbeln und ganzen Ausstattungen, Architekt, Bühnenbildner, Bildhauer, Designer. Im Grunde besagt das wenig, denn Mehrzweckkünstler waren sie damals alle – Hector Guimard ebenso wie Peter Behrens oder Josef Hoffmann. Während aber die anderen für bestimmte Aufgaben doch besonders begabt waren, blieb Pankok der große Dilettant, der sich unerschrocken in sämtliche Abenteuer der Kunst stürzte: einer, der ein Gespür für zukunftsweisende Lösungen hatte, einer, der sich überall auskannte, fast überall Bedeutendes leistete und dem doch entscheidend Wichtiges zu fehlen schien – die prägende Persönlichkeit.

So wenigstens ist zu vermuten, wenn man Pankoks bisherige Stellung in der Kunstgeschichte betrachtet. Immer wurde ihm nur ein zweiter Platz angewiesen, hinter Hermann Obrist, Richard Riemerschmid, August Endell und anderen, deren Werk man als "stilbildend" klassifizierte – eine Ehre, die Pankok nicht zuteil wurde. Dieses Urteil ist nun, nach der Stuttgarter Ausstellung, revisionsbedürftig: Pankoks Einzug ins Jugendstil-Pantheon, zu lange schon hinausgeschoben, ist nicht mehr aufzuhalten.

Pankok, ursprünglich dazu bestimmt, ein akademischer Maler zu werden, kehrte der traditionsverhafteten Ausbildungsstätte vor Abschluß seines Studiums den Rücken zu. Die Akademie vermittelte totes Wissen, er suchte die lebendige Wirklichkeit: In München eingetroffen (1892), begann er nach der Natur zu arbeiten – es sah so aus, als würde Pankok sich der Plein-air-Malerei zuwenden. Doch dann erhielt er 1896 den Auftrag, das Programmheft des "Niederrheinischen Musikfestes zu Düsseldorf" zu gestalten – es wurde "das erste deutsche Buch mit von traditionellen Formen abstrahierendem Schmuck". Im selben Jahr wurde er Mitarbeiter des Part und der Jugend, sein weiterer Weg als Illustrator und Buchkünstler schien vorgezeichnet.

Und wieder sollte es anders kommen: Hans Eduard von Berlepsch, der in England William Morris und Walter Crane kennengelernt hatte, lenkte Pankoks Aufmerksamkeit auf das Kunstgewerbe: Auf der Internationalen Kunstausstellung des Jahres 1897 im Münchner Glaspalast war der erste von dem Maler entworfene Sessel zu sehen. Wilhelm von Bode, der das Stück im "Pan" publizierte, regte an, daß Pankok in dieser Art "das Möblement eines ganzen Zimmers" entwerfen sollte, überzeugt, daß der phantasievolle Künstler die weitere Dekoration des Zimmers in einheitlicher Weise finden würde. Bode schwebte offensichtlich jene Form des dekorativen Gesamtkunstwerks vor, das Pankok, Bruno Paul und Richard Riemerschmid – alle drei Gründungsmitglieder der 1898 ins Leben, gerufenen "Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk" – auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 verwirklichten. Jeder von ihnen hatte einen eigenen Raum gestaltet, alle drei Räume erhielten offizielle Auszeichnungen. Das moderne deutsche Kunsthandwerk war salonfähig geworden.

Sein "Erkerzimmer", unmittelbar anschließend an das "Jagdzimmer" von Paul, aber von diesem abgesetzt durch eine bogenförmige geschnitzte Einfassung, erweckte in der Durchsicht den Eindruck eines "Bildes" – es war, als stünde man vor dem Stilleben eines Raumes. Einheitliche, geschlossene Wirkung ist auch das Merkmal der weiteren Raumausstattungen Pankoks, die ihm den Ruf eines eher biederen Kunsthandwerkers eingetragen haben. Dies war ein Mißverständnis. Pankok war durchaus zu jener freischwebenden ornamentalen Eleganz fähig, die als Jugendstil-Kennzeichen gilt, doch entwarf er eben nicht nur Schauräume für Weltausstellungen, sondern arbeitete für konkrete Auftraggeber – und die waren meist gutbürgerlich. Er hat es verstanden, das dekorative Prinzip des Jugendstils den mehr soliden ästhetischen Bedürfnissen der gehobenen Mittelschicht anzupassen. Eine Durchsicht von Katalogen der Möbelfabriken würde höchstwahrscheinlich die Breitenwirkung der Pankokschen Lösung aufzeigen.