Vorsicht! Nicht zu früh gejubelt. Sich nicht schon verzückt in die Brust werfen, und stolz rufen: Wir auch! Jetzt können wir uns auch mit einem handfesten Skandal schmücken. Nicht vorschnell den verpflichtenden Namen Watergate in den Mund nehmen und damit auf die Waagschale legen. Bei der Sache liegt noch vieles im dunkeln.

Ich gehöre nicht zu denen, die jetzt eine restlose Aufklärung fordern und es ganz genau wissen wollen. Nachher kommt dabei nur ein Windei raus. Und wenn dann mal wirklich unsere junge Demokratie von einem Skandal bedroht ist, hält das jeder für einen geschmacklosen Scherz. Der Skandal braucht eine gewisse Substanz an Glaubwürdigkeit, sonst sind seine Tage gezählt.

Wenn das jetzt keiner ist, sehe ich für unser Ansehen im Ausland schwarz. Dann wird man denken, wir wollten nur auf der Watergate-Welle mitreiten, und dabei seien wir jämmerlich ins Wasser gepurzelt. Nicht mal zu einem richtigen Skandal langt’s bei denen, werden sie hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Darum ist Mißtrauen die erste Bürgerpflicht. Besonders, was die Person des Herrn Steiner angeht.

Warum bringt er gerade jetzt den Stein ins Rollen? Warum nicht früher? Warum überhaupt? Verschwunden ist er auch noch. Sehr verdächtig. Wenn er sich nur darum verbergen muß, weil er nichts zu verbergen hat?

Karten auf den Tisch – meinetwegen. Aber erst mal die gezinkten Wahlkarten auf den Tisch. Weiße Wahlkarten beweisen mir gar nichts. Die kann jeder abgeben. Ich will Zinken sehen. Am besten groß auf dem Bildschirm in der Tagesschau. Selbst dann weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Wie zinkt denn Steiner, wenn er zinkt?

Und der andere Zinker, der auch verhindern wollte, daß Barzel Kanzler wird? Der hat jetzt eine schöne Wut im Bauch. Da hatte er mit Steiner abgemacht: beide zu Spiegel und Quick – oder keiner. Und dann ist ihm der Kollege zuvorgekommen. So ist das, wenn man sich mit Doppelagenten einläßt.

Steiner – Doppelagent? So wie ich mir Agenten vorstelle, langt’s bei dem kaum zum einfachen Agenten. Aber mal angenommen, Steiner war wirklich ein Doppelagent – ist damit gesagt, daß er auch noch mit seiner eigenen Partei ein doppeltes Spiel getrieben hat? Wer weiß denn, ob nicht auch andere Abgeordnete ihre Wahlkarten gezinkt haben? Oder es waren vielleicht gar Zufallszinker?