Wir haben nicht Florenz, und wir haben nicht Venedig, aber wir haben Bamberg, nur wissen das viele nicht. Damit es möglichst die ganze Welt erfährt, feiern die Bamberger schon seit Anfang 1973 und noch das ganze Jahr hindurch ihr 1000jähriges Bestehen. Die Bamberger übrigens sind flink mit Zitaten, in denen Fremde das Lob dieser Stadt gesungen haben: "An eigentlicher Stadtbaukunst eine der allerschönsten Städte Deutschlands", "Eine Stadt voller Raritäten wie die Commode einer Großmama". Oder auf derb bambergisch: "A Mensch, dem Bamberg net gefeilt, is größte Orschloch in der Welt."

Wenn man etwas sucht, was Bamberg ganz und gar eigentümlich ist, so stellen sich Superlative ein: Der bucklig abfallende, schiefe Domplatz ist einer der eindrucksvollsten Plätze Europas. – Der Bamberger Reiter im Dom ist die erste Reiterstatue in Lebensgröße. Sie ist eines der bedeutendsten Kunstwerke Europas. – Im Dom befindet sich das einzige Papstgrab nördlich der Alpen. – Adam und Eva, zwei Steinfiguren an der Adamspforte des Domes (jetzt im Diözesanmuseum), sind die ersten nackten Gestalten des deutschen Mittelalters. Sie deuten eine Zeitenwende an.

Die Bamberger sind hochgestimmt in diesem Jahr wie die Nürnberger mit Dürer vor zwei Jahren. Sie wollen den Besuchern die Stadt in schönstem Glanz zeigen. Sie sind begabt fürs Feiern mit und ohne Anlaß. Der Veranstaltungskalender führt alles auf, so die Kirchenfeste, die hier wie eh und je den Rhythmus des Jahres bestimmen. Daß Kunstkenner und Pilger aus Deutschland in großen Scharen zu Ostern nach Sevilla gehen und nach Sizilien, nicht aber in dem gleichen Maße zu Fronleichnam nach Bamberg, ist ihnen unbegreiflich.

In der großen Prozession werden alljährlich die Schätze der Stadt mitgetragen, soweit sie noch vorhanden sind: die Heiligen aus den Kirchen und Kapellen, die gewundenen kunstvollen Stäbe der Zünfte aus dem Diözesan-Museum, das mächtige Domkreuz, von mehr als zwanzig Männern auf den Schultern getragen. Kaum ist das Glockengeläut verklungen, sitzen die Männer und Frauen bereits bei Bier und Bratwürsten oder beim Wein in den Kneipen, manchmal noch ihren Lokalheiligen vor der Tür. Man zieht mit prächtigen Prozessionsfahnen durch die Fluren, ißt zu Allerheiligen Seelspitzen und zu Sebastian Eierringe und feiert den ganzen Sommer über Kirchweih, den "Plärrer". Die farbigste und originellste ist die Kirchweih im Sand bei den Fischern am Westufer der Regnitz im schummrigen, schimmligen Klein-Venedig.

Ich feierte im Schlenkerla mit Rauchbier die Brotzeit in der Dominikanergasse zu Füßen des Dombergs, ich feierte im prunkvollen barocken Kaisersaal der Neuen Residenz bei Kerzenschimmer die deutsch-amerikanische Verbundenheit, denn Bamberg hat die größte amerikanische Garnison im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl: 12 000 Soldaten bei 76 300 Einwohnern oder etwas weniger, denn die Bevölkerung nimmt ab. Auf der Altenburg erlebte ich einen Abend mit Fremdenverkehrsexperten. Dort war es volkstümlich und leger. Der Oberbürgermeister stach das Bier an und bediente die umstehenden Gäste. Dann sangen die Bamberger, denn sie singen, wenn sie feiern, zunächst ihr; Frankenlied und dann plötzlich nach gedruckten Liedertexten stehend das Bayernlied und die 3. Strophe des Deutschlandliedes.

Die Festwoche vom 23. Juni bis 1. Juli bringt den Höhepunkt der Ereignisse mit einer Festaufführung in der Alten Hofhaltung und Barockmusik im Böttingerhaus, dem prächtigsten Bürgerhaus mit seiner überladenen Barockfassade und kunstvollen Terrassengärten. Vielleicht wird sogar die Restaurierung des Domes – seit Jahren im Innern ein Bauplatz – bis dahin beendet sein.

Mit Speck fängt man Mäuse und mit Festen die freien Franken. Das ist seit 1000 Jahren verbürgt. Alles ist darauf angelegt, sogar die Kirchen, und da sind wir bei Kaiser Heinrich II., der im Jahre 1007 das Bistum Bamberg stiftete zur Bekehrung der Slawen. Fünf Jahre später, zur Weihe des Domes, versammelten sich Reichsfürsten und geistliche Amtsträger zu einem glanzvollen Fest. Und im Jahre 1020 kam sogar der Papst nach Bamberg. Das Jahr 973, in dem Kaiser Otto dem Bayernherzog Heinrich, genannt der Zänker, dem Vater Heinrichs II., Bamberg geschenkt hat, ist da nur ein großzügig gewählter Anlaß, ein mathematisches Jubiläum, um auf diese glorreichen Bamberger Anfänge zurückzukommen.