Von Wolfram Siebeck

Der Fortschritt verlangt Opfer. Wer von uns, die wir für die Weiterentwicklung der Zivilisation eintreten, sähe das nicht ein. Gewiß, wir bedauern das Verschwinden der gemütlichen Pferdedroschken. Aber es läßt sich nicht bestreiten, daß die Funktaxis das Transportproblem besser lösen.

In diesen Tagen hat nun wieder ein Relikt aus der guten, alten Zeit dem Fortschritt weichen müssen: die Unzucht. Der Gesetzgeber hat sie im Zuge der Strafrechts-Reform abgeschafft.

Trauer befällt uns, wenn wir uns vorstellen, daß es sie nun nicht mehr geben wird. Wie Pferdedroschken und Doppeldecker wird sie bald nur noch in alten Filmen zu sehen sein oder auf speziellen Veranstaltungen, die der Pflege der Traditionen dienen. Eines Tages wird von ihr nur noch ein Tag im Kalender übrig sein, der „Tag der Unzucht“. Mehr nicht.

Was bleibt, ist die Erinnerung. Jeder Gang durch die städtischen Anlagen beschwört sie herauf; dort, die Bank hinter dem Rhododendron, das war ihr Lieblingsplatz; dahinten, am Entenweiher, hat man sie oft gesehen. Und unvergessen bleibt, wie wir sie auf der hinteren Plattform einer späten Straßenbahn entdeckten. Vorbei, vorbei.

Oder man geht durch die stillen Straßen mit den verschwiegenen Hotels. Jedes Haus eine Gedenkstätte! Man sollte Inschriften anbringen: „Hier wohnte die Unzucht bis zu ihrem Ende im Jahre 1973.“

Wie leer sind nun die Rücksitze der Autos geworden! So mancher wird seine geräumige Limousine gegen einen Zweisitzer eintauschen wollen. Schon gibt es Sammler, die für eine alte Unzucht Summen bieten, die in keinem Verhältnis zu ihrem ursprünglichen Wert stehen. Der Tag ist sicher nicht mehr fern, da gut erhaltene Exemplare auf Auktionen Höchstpreise erzielen, in Museen ausgestellt und zu Prestigeobjekten werden wie gotische Madonnen, Oldtimer und Hausangestellte.