Aufstieg und Zerfall der Politischen Wissenschaft

Von Christian Graf von Krockow

Die Szene wirkt vertraut: Eugen Kogon und Wolfgang Abendroth treten auf, ein Rektor aus Bayern – ihm freilich „paßt die ganze Richtung nicht“, er wünscht „das Humanum“ – sowie ein Herr aus Bremen, der die baldige Errichtung einer Reformuniversität ankündigt. Nur die Sache scheint unvertraut; eine Wissenschaft soll etabliert werden, von der noch nicht einmal der Name feststeht: Wissenschaft von der Politik, Politische Wissenschaft, Politologie? Es handelt sich um die Konferenz von Waldleinigen im September 1949, einberufen von der hessischen Landesregierung, unterstützt von der amerikanischen Besatzungsmacht: Geburtsstunde der Politikwissenschaft in Deutschland.

Die Politikwissenschaft tritt, symbolträchtig, zugleich mit der Bundesrepublik ins Leben. Dabei müßte man eigentlich von Wiedergeburt sprechen, denn es geht um eine Wissenschaft, die in Aristoteles ihren Ahnherrn verehrt, gemäß seiner „klassischen“ Wissenschaftseinteilung mit Ethik und Ökonomik zur praktischen Philosophie gehört, an neuzeitlichen deutschen Universitäten durchaus und bedeutsam vertreten war und sich erst im 19. Jahrhundert aus den Lehrstuhlbezeichnungen und Vorlesungsankündigungen verlor.

Gleichwohl stieß das neue Fach gerade in den Universitäten auf heftigen Widerstand. Meist waren es Kultusministerien und außerakademische Kräfte, die, um demokratische Erziehung und politische Bildung bemüht, den Aufbau forcierten, zum Beispiel Ende der fünfziger Jahre an pädagogischen Hochschulen, nachdem eine Welle antisemitischer Schmierereien im Inland und zumal im Ausland Aufsehen erregt hatte.

Inzwischen liest sich die Bilanz mindestens vordergründig als Erfolgsgeschichte. Schon 1970 gab es in der Bundesrepublik und in Westberlin 133 Fachlehrstühle; das Mitgliederverzeichnis der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft führt 1972 383 Namen auf, darunter 166 Professoren; heute, nur ein Jahr später, sind es 482 Mitglieder. Manch älteres Fach wurde durch dieses stürmische Wachstum überholt, und die Entwicklung ist keineswegs abgeschlossen.

Politikwissenschaftler drangen auch schon in politische Führungspositionen vor; derzeit sind unter anderem drei Kultusminister „gestandene“ Politikwissenschaftler: Hans Maier (Bayern), Bernhard Vogel (Rheinland-Pfalz), Peter von Oertzen (Niedersachsen). Und entgegen dem verbreiteten Vorurteil, es handle sich um eine brotlose Kunst, zeigt eine Untersuchung über „Politologen im Beruf“, daß Diplompolitologen sich durchaus beruflich zu etablieren vermögen. Erwachsenenbildung, Hochschulen und Forschungsinstitutionen, Gewerkschaften und Verbände, Massenmedien, Wirtschaft und öffentlicher Dienst sind die wichtigsten „Abnehmer“.