Die christlichen Demokraten von Kiel bis München betrachten das rote Musterländle Hessen mit Argwohn. Sie meinen, daß dort eine einäugige Jugend herangezogen wird, der die viel diskutierten Rahmenrichtlinien für die Fächer Deutsch und Gesellschaftslehre beibringen sollen, daß nur das linke Auge richtig sieht.

Vor einer solchen Jugend wollen sich die christlichen Demokraten schützen. Die CDU-Fraktionsvorsitzenden aus den Bundesländern diskutierten deshalb auf ihrer letzten gemeinsamen Konferenz in Wiesbaden, wie man hessischen Abiturienten den Weg nach Kiel, Würzburg oder München verbauen kann. Sie deuteten an, daß man die halbblinden Hessen von einem Studium in CDU-Ländern ausschließen sollte.

Wie töricht das doch ist! Da haben wir es nun endlich geschafft, die Konfessionsschulen aufzulösen und nicht mehr wichtig, zu finden, ob jemand ein katholisches oder ein evangelisches Abitur gemacht hat. Als ob uns was gefehlt hätte, soll die Frage nun lauten: Hast du eine christlich-demokratische Reifeprüfung oder eine sozialistische? Die Hessischen Rahmenrichtlinien sind in der Tat sehr diskutierbar; aber ein Farbtupfer, wie ihn das hessische Modell bildet, tut der ohnehin derzeit recht bunten bildungspolitischen Landschaft bei uns noch keinen Abbruch. Sich abzuschirmen und Mauern zu errichten, wäre nur ein Zeichen der Schwäche.

Im übrigen: Wenn ein Frankfurter in Kiel Geschichte studieren will und dort nicht nur auf der Förde segeln, so sollten sich doch Stoltenbergs Professoren zutrauen, dem halbblinden Hessen auch das rechte Auge wieder zu öffnen.

N. K.