Leonid Breschnjew, der jetzt als zweiter erster Mann aus der Sowjetunion den Atlantik überquerte, betrat amerikanischen Boden durch die Hintertür. Wollte er durch diesen Auftritt auf leisen Sohlen die Distanz zu seinem lärmenden Vorgänger markieren? Jedenfalls liegen zwischen Breschnjews Gipfelgespräch in Camp David und Nikita Chruschtschows Gipfelspektakel am selben Ort nicht nur vierzehn Jahre, sondern eine ganze Ära.

„Ich bin nicht als Bettler zu Ihnen gekommen, sondern als Vertreter eines großen Volkes“, rief Chruschtschow im September 1959 in New York den versammelten US-Wirtschaftsbossen zu. Und er wurde noch deutlicher: „Sie können überzeugt sein, daß die Sowjetunion im wirtschaftlichen Wettbewerb für sich allein einstehen wird: Sie wird Sie einholen und überholen.“

Chruschtschows Besuch in den Vereinigten Staaten stand zwar schon im Zeichen der „friedlichen Koexistenz“, des Abtastens von Möglichkeiten vermehrter wirtschaftlicher und technischer Zusammenarbeit zwischen den „zwei Staaten auf der Welt, die wirkliche Macht besitzen“. Aber dahinter versteckte sich der von Skrupeln und Zweifeln noch ungetrübte sowjetische Glaube, die Amerika in den Schatten stellende Überlegenheit bis 1970 erreichen und anschließend den „Kapitalismus begraben“ zu können.

Die Mißtöne der amerikanisch-sowjetischen Koexistenz-Etüde waren unüberhörbar. Chruschtschows amerikanische Spuren wurden denn auch, kaum gelegt, von kaltkriegerischen Winden wieder verweht. Der Ungeist jener Zeit war stärker als der beschworene „Geist von Camp David“, der erlahmte, noch bevor er je flügge wurde. Der von Eisenhower aufgenommene Gipfeldialog mit Moskau endete in der Sackgasse unversöhnlicher Interessengegensätze und Systemrivalitäten. Aus ihr führte weder das knochenharte Wiener Tête-à-tête von 1961 zwischen Kennedy und Chruschtschow, noch die impulsschwache Johnson-Kossygin-Begegnung in Glassboro vom Sommer 1967 heraus. Das Verhältnis der beiden Großmächte blieb vom Duell geprägt; das Duett wollte nicht gelingen.

Richard Nixon und Leonid Breschnjew haben es da leichter als ihre Vorgänger. Zwischen ihnen liegt nicht mehr, wie noch 1959, der Schutt eines über den damaligen Schlüsselproblemen – Berlin und Deutschland – ergebnislos vertagten Genfer Außenministertreffens. Auf ihren Gesprächen lastet nicht, wie 1961, der Trümmerberg einer geplatzten Pariser Gipfelkonferenz oder, wie 1967, das Drama von zwei siedend heißen Krisenherden in Nahost und Vietnam.