Der venezianische Weltbürger Casanova ist vor 175 Jahren in Böhmen gestorben. Die Enzyklopädien sind sich nicht einig, ob er mit Vornamen Giovanni Giacomo oder Giacomo Girolamo hieß, was allerdings nicht so wichtig ist. Es ist sein Nachname, der in wahrscheinlich alle europäischen Sprachen als Bezeichnung eines Frauenhelden eingegangen ist.

Casanova hat einen utopischen Roman, historische Arbeiten, mathematische Abhandlungen, literarische Polemiken, Bühnenstücke und Libretti geschrieben, davon wissen aber nur Spezialisten. Jeder kennt dagegen – mindestens vom Hörensagen – seine Memoiren; Casanovas Liebesabenteuer haben das Buch populär gemacht, das übrigens nicht nur Bettgeschichten, sondern auch ein buntes und plastisches Bild der Zeit liefert, dessen Wahrhaftigkeit die Historiker bestätigen. Wurde Casanova damit Unrecht angetan, daß er nicht als gelehrter Schriftsteller, sondern nur als Abenteurer und kühner Liebhaber berühmt wurde? Schließlich gibt es berühmte Literaten viele, Casanova ist nur einer. Casanovas Ruhm ist noch ein Beweis dafür, daß sich für das Liebesleben mehr Menschen interessieren als für mathematische Theoreme oder literarische Diskussionen.

Freilich, Casanovas Ruhm ist ein wenig zweideutig. Wenn man jemanden „Casanova“ – im Sinne von „Frauenheld“ – nennt, kann es ein Beweis der Bewunderung oder auch eine Beschimpfung sein, je nachdem, wer es sagt. Im negativen Sinne gebrauchen das Wort vorwiegend Neider: Frauen, für die keiner bereit ist, Heldentaten zu vollbringen, und Männer, die keiner solchen fähig sind. Für mich bedeutet „Frauenheld“ einen Mann, der für die Frauen zum Heldentum bereit ist. Die zweite Bedeutung des Wortes – „einer, der nur Frauen gegenüber ein Held ist“ – lehne ich als unlogisch ab: denn „nur Frauen gegenüber“ ein Held zu bleiben, ist das allerschwerste, das haben selbst die mutigsten Kriegshelden erfahren.

Ich wundere mich darüber, daß die Frauenrechtlerinnen Casanova noch nicht zu ihrem Heiligen erklärt haben. Er war doch ein emanzipierter Mann, der schon im 18. Jahrhundert die Frauen als gleichberechtigte Partner betrachtet und behandelt hat; er versuchte sie nie der herrschenden Moral Unterzuordnen oder unter das Ehejoch zu bringen. (Hatte er als ganz junger Mann ab und zu die Absicht, ein Mädchen zu heiraten, hat er sich dies immer rechtzeitig besser überlegt.)

Casanova war nicht nur in seiner sexuellen Tätigkeit Vorkämpfer der Emanzipation. Sofern man die Frauenemanzipation nicht nur als das Recht, am Fließband arbeiten zu können, betrachtet, ist sie nur zusammen mit der allgemeinen Emanzipation aller Menschen erreichbar. Casanova war ein freier Mensch. Er schaffte es immer wieder, auf Geld, Posten und Karriere zu verzichten, um so zu leben, wie er wollte, und dorthin zu gehen, wohin es ihn gezogen hat. Deshalb nannte man ihn einen „Abenteurer“. Wer für die Freiheit aller kämpft, ist ein Freiheitskämpfer; wer es wagt, sich für die eigene Freiheit einzusetzen, ist ein Abenteurer.