Der Redner auf der Jahresversammlung des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft war diesmal Ralf Dahrendorf. Seit Januar hat er in der Kommission der Europäischen Gemeinschaft das erste Portefeuille für Wissenschaft und Bildung inne. Dem Absatz, den wir hier aus seinem Vortrag über „Aktuelle Probleme europäischer Forschungspolitik“ wiedergeben, kommt Bedeutung auch deshalb zu, weil Ralf Dahrendorf dereinst mit zu jenen Professoren gehörte, die die Reform der Universität einleiteten, ehe er in die Politik abwanderte:

„Bleibt eine Randbemerkung, eine Fußnote, die ich nicht ohne Zögern anfüge. Dies sind schwierige Zeiten in der Welt der Forschung, insonderheit dort, wo diese an Hochschulen angesiedelt ist. Der überfällige Prozeß der Suche nach einem von überflüssigen hierarchischen Krücken befreiten Verhältnis von Lehrern und Schülern, Anregern und Mitarbeitern ist an vielen Punkten übergeschwappt; er hat sich zudem verbunden mit der aus ganz anderen Quellen gespeisten neuen Ideologisierung, um nicht zu sagen Verschwiemelung der intellektuellen und politischen Diskussion überall in Europa. Es ist nötig, gerade in dieser Zeit auf dem Sinn einer von fremden Zwecksetzungen freien Forschung und auf dem Wert der methodischen Tugenden subtiler Wissenschaft zu bestehen. Es ist sogar verständlich, wenn mancher in einer solchen Zeit Klöster bauen, mehr oder minder nostalgische Refugien finden will. Hilf reich ist es nicht. Die Abkehr von den Gewittern der Hochschulen, von den Gefahren für Meinungsfreiheit, Methodenvielfalt und die Tugend wissenschaftlicher Genauigkeit, zum zarten Sonnenschein windgeschützter Lichtungen stärkt die Bedrohungen, in denen sie begründet ist. Es hilft nichts, wer die Freiheit will, muß sie an unbequemen Orten verteidigen, und wer die Forschung insgesamt in einer schwierigen Zeit erhalten und entwickeln will, darf die Hochschulen nicht achselzuckend sich selbst überlassen.“ N.G.