Von Jens Friedemann

Geldanleger in der Bundesrepublik haben ein faszinierendes Spiel entdeckt: die Spekulation mit Commodities (Rohstoffen) an den internationalen Warenterminmärkten in London, New York und Chikago. Vielen ist jedoch nicht klar, daß sie dabei Haus und Hof riskieren.

„Nie zuvor habe ich in so kurzer Zeit so viel Geld verdient“, bekannte ein Hamburger Teppichhändler. Er hatte durch Baumwollspekulation in fünf Monaten einen Gewinn von 1891 Prozent erzielt. Spekulationsgewinne in Tausenderdimensionen sind seit rund einem Jahr keine Seltenheit an den Warenmärkten (siehe Tabelle). Hunderttausende von enttäuschten Aktionären – insbesondere in den USA – zog es in den letzten Monaten an die Warenterminbörsen mit ihren astronomisch erscheinenden Gewinnmöglichkeiten.

Die Gewinne täuschen jedoch über die tatsächlichen Verhältnisse hinweg. Nur wenige Spekulanten werden reich. Warum, das sagt der größte amerikanische Aktien- und Commoditymakler, Merill Lynch: „Sie verlieren alle die Nerven. Selbst wenn von zehn Transaktionen sieben mit Gewinnen enden, sind die Verluste der drei restlichen Geschäfte in der Regel dermaßen groß, daß von den Gewinnen nichts übrigbleibt.“ Die alte Börsenregel, es hat noch niemandem geschadet, Gewinne mitzunehmen, wirkt sich auf dem Warenterminmarkt verheerend aus.

Der Spekulant kontrolliert nämlich mit einem Einsatz von einigen hundert Dollar eine Rohstoffmenge, deren Wert in die Zigtausende Dollar geht. Wer zum Beispiel auf steigende Silberpreise spekuliert, der beauftragt seinen Broker (Makler), einen Kontrakt Silber zu kaufen. Dafür hinterlegt er beim Broker zur Zeit 1500 Dollar als Sicherheit. Der ganze Silberkontrakt umfaßt aber 10 000 Unzen. Das entspricht einem Wert von (bei 2,50 Dollar pro Unze) 25 000 Dollar. Steigt der Silberpreis um einen Cent, klettert der Kontraktwert um 100 Dollar. Das ist der Gewinn des Spekulanten – oder der Verlust, falls der Preis um einen Cent fällt.

Hier beginnt die Nervenstrapaze. Die Preisschwankungen bei den aktiv gehandelten Rohstoffen sind in der Regel dermaßen schnell und extrem, daß niemand sagen kann, ob der Preis nun wirklich nach oben geht, stehenbleibt oder bereits zum Sturzflug angesetzt hat. So sauste der Preis für Sojabohnen von seinem Höhepunkt am 10. März von 665 Cents ohne er sichtlichen Grund innerhalb von 15 Tagen bergab auf 530 Cents, bevor er – ebenfalls ohne erklärliche Ursache – zu einem neuen Höhenflug ansetzte, der ihn auf 1300 Cents hochtrieb.

Ein Kontrakt entspricht jeweils der festgesetzten Handelseinheit für eine Ware. Der Spekulant schiebt also nicht tonnenweise irgendwelche Rohstoffe auf dem Weltmarkt hin und her, sondern er kauft einen Kontrakt, der ihn berechtigt, mehrere Monate – im Extremfall bis zu zwei Jahre – im voraus mit einer Ware zu handeln, die erst bei Ablauf des Vertrages geliefert oder bezogen werden muß. Die Termine laufen zu bestimmten Monaten ab.