Anfang Dezember vergangenen Jahres berichtete das Hongkonger Massenblatt „The Star“ über die neuesten Prognosen des chinesischen „Top-Fortune-Tellers“ Yeung Kwan Ming über die Börse 1973. „Der Stern strahlt am hellsten im März – am dunkelsten im Mai“, erfuhren die erstaunten Leser. Noch erstaunter sind sie heute; denn was der Börsenprophet vorhersagte, traf ein. Der Aktienindex der Hang-Seng-Bank erreichte im März einen historischen Höchststand von 1775 Punkten und brach dann Anfang Mai auf 650 Punkte zusammen.

Hongkonesen haben ein feineres Gespür für Propheten als für Analytiker. Aber selbst letztere schließen sich jetzt der neueren Prognose des Wahrsagers an. Auch sie verheißen für das chinesische „Jahr des Ochsen“, das im August beginnt, Prosperität und einen konjunkturellen Boom.

Hongkong, begünstigt durch seine ideale geographische Lage als Tor zur Volksrepublik China, erlebt zur Zeit eine wirtschaftliche Blüte sondergleichen. Angesichts der Tatsache, daß Hongkong die niedrigste Steuerlastquote ganz Asiens besitzt, reizt das liberale Wirtschaftsklima etliche Unternehmer zur Investition. Die Körperschaftsteuer beträgt ganze 15 Prozent. Das ehrgeizige Ziel der britischen Kolonie, das Finanzzentrum Asiens zu werden, scheint in der Tat in Erfüllung zu gehen.

Anfang 1972 hatten 73 Banken, darunter 30 ausländische Kreditinstitute, 431 Niederlassungen und 40 Vertretungsbüros in der fernöstlichen Hafenstadt. Das Wirtschaftswachstum schreitet in Jahresraten von 17 bis 25 Prozent voran. Genauere Daten sind nicht erhältlich. Die Unternehmensgewinne sollen demgegenüber 1972 um 28 Prozent gestiegen sein. Für das laufende Jahr rechnet man mit etwa 30 Prozent.

Der wirtschaftliche Expansionsdrang wird von den Börsen erst seit Beginn letzten Jahres honoriert. Der Hang-Seng Aktienindex sauste 1972 raketenhaft von 341 auf 843 Punkte. Mit diesem Anstieg (plus 148 Prozent) schlägt Hongkong sogar die Börse von Tokio, deren Aktienindex 1972 nur 92 Prozent zulegen konnte. Der lokale Börsenboom trieb das chinesische Spekulationsfieber bis zum März (1775 Punkte) auf einen Höhepunkt. Gleichzeitig nahmen die Umsätze an der Börse unvorstellbare Ausmaße an. Während 1971 am Tag 59 Millionen Hongkong-Dollar umgesetzt wurden, waren es in diesem Jahr auf dem Höhepunkt der Hausse pro Tag über 500 Millionen Dollar.

Nach einer Meldung der Schweizerischen Handelszeitung sollen Anfang des Jahres in einer Bank auf einen Schlag 100 Angestellte ihre Jobs gekündigt haben, weil sie angeblich mehr Zeit zum Spekulieren benötigten, wobei sie ohnehin mehr verdienen könnten. Gefragt waren insbesondere Neuemissionen, „hat issues“, die den Banken regelrecht aus den Händen gerissen wurden. Das Emissionsgeschäft (1972 wurden 106 neue Titel zugelassen) lockte allerdings auch Scharlatane und Betrüger an.

Nicht selten stellt es sich heraus, daß von einer Firma nicht mehr als ein Firmenschild und ein winziges Büro existiert. Trotzdem bedeutet das in Hongkong nicht unbedingt, daß daraufhin die Kurse fallen. Größeres Unbehagen bereitete Banken und Börsen die schlechte Druckqualität der Aktienzertifikate. Es tauchten nämlich plötzlich bergeweise neue Zertifikate auf, die sich von den Originalen kaum unterscheiden lassen.

Solche Vorkommnisse führten dann auch zum Kurssturz. Merkwürdigerweise nehmen die meisten Marktteilnehmer, denen das Börsen-ABC sowieso – nicht geläufig ist, den Zusammenbruch mit Gelassenheit hin. Seit zwei Wochen steigen die Umsätze an den vier Hongkongbörsen sogar wieder rasant an. Hang-Seng, der Aktienindex, strebt erneut nach oben und steht zur Zeit bei 900 Punkten. Die Hausse, die für das „Jahr des Ochsen“ vorausgesagt wurde, scheint damit begonnen zu haben. jfr.