Erwachsene sind leicht zu verunsichern, das ist bekannt. Aber es gibt wohl kein Gebiet, auf dem sie sich so gern und so hemmungslos verunsichern lassen wie das der Kindererziehung und Kinderliteratur. Seit das Kind ein Thema geworden ist, tut alle naslang irgendwer so, als hätte er die Rechte des Kindes gerade erfunden, und auch wer seit Jahrzehnten vernünftige Kinderbücher macht, verrät und vergißt eilfertig alles Bisherige und heult mit den Wölfen.

Nun ist es wahrhaftig so, daß es wie bei der allgemeinen Belletristik auch auf dem Kinderbuchmarkt viel Miserables gibt und daß dieses Miserable auf die durch keinerlei Erfahrung und Kritikfähigkeit geschützten Kinder katastrophaler wirkt und deshalb schärfer und erbitterter als auf dem Erwachsenengebiet attackiert wird. Die Kinderliteratur braucht also von Zeit zu Zeit einen Schock, um sich von jeweils eingespielten Klischees zu befreien und wieder an dem zu orientieren, was tatsächlich zeitgemäß ist.

Das wurde oft genug gesagt und gefordert, und dann kam plötzlich alles auf einmal: die neue Pädagogik, die Antiautoritären, die jungen Linken, die deutschen Dichter, die, lange gebeten, die Kinderliteratur als nette Verdienstquelle und/oder bequemes politisches Alibi entdeckten. Und schon versprach jeder blindlings Freiheit, Emanzipation, Kritikfähigkeit, Progressivität. Kinderbuchverlage witterten Geschäfte mit dem neuen Trend, und Eltern kauften gehorsam und tief beeindruckt die neuen Bücher mit Geschichten von geschiedenen Eltern, doofen Lehrern, keifenden Hausmeistern und verbotenen Spielplätzen.

Manche dieser Bücher sind ausgezeichnet. Doch ihr Prozentsatz ist nicht höher als vorher, was bedeutet, daß die alte Mediokrität in neue flotte Hüllen gepackt wird. Alte Klischees vertauscht man gegen gängigere. Denn: auch Autoren und Verleger wissen nicht immer genau, was wirklich pädagogisch und politisch vertretbar ist, sie wissen allerdings präzise, daß sie leichter und besser verkaufen, wenn sie sich als progressiv bezeichnen und der Redensarten in Text und Werbung bedienen, die diese Modernität signalisieren.

Im Lauf der letzten zwei, drei Jahre haben die antiautoritären Verlage, haben Beltz und Gelberg wie Rowohlt (Rotfuchs) konsequent mit einer Kinder- und Jugendliteratur begonnen, die Texte und Bücher verschiedener moderner Möglichkeiten präsentierte. Das ergab großartige Anregungen, allerdings auch schon die Andeutung der Schwächen, die Langeweile und Beschränktheit mancher Themen und das Problem, dem Erwachsenen auf dem Umweg über das Kinderbuch zu sagen, was für ein mieser Kinderfeind er ist, ganz zu schweigen von den Gefahren politischer Agitation und den peinlichen Folgen mangelnder Klugheit bei politisch oder pädagogisch überzeugten Autoren.

Immerhin: diese Modelle haben den Markt stark beeinflußt. Bei der Frühlings-Bilderbuchausstellung in Bologna mußten konservative Verleger nicht ohne Neid verfolgen, daß sich die Rechte progressiver Bücher wie warme Semmeln verkauften, während sie auf ihren schönen, aber normalen Texten sitzenblieben.

Wer also, wie der Otto Maier Verlag jetzt, „relativ spät zu dieser Zeit“, eine neue Kinder- und Jugendbuchreihe herausbringen will, kann nicht mehr frei entscheiden. Er muß, wenn er beachtet, werden und Ziele erreichen will, relevante Themen bringen oder zumindest das, was er bringt, als relevant bezeichnen.