ARD, Sonntag, 17. Juni: „Ein Mittwoch im Juni“ – Vor 20 Jahren: Volksaufstand, Arbeiterrevolte oder Agentenputsch? Von Lutz Lehmann

Den Adolf-Grimme-Preis für diesen Film! Das, endlich, war eine Sendung, die den Namen Dokumentation verdient. Eine Stunde lang wurde gezeigt (nein, nicht nur gezeigt: vorexerziert! wie man ein, historisches Ereignis, am dem Bildschirm derart darstellen kann, daß der Betrachter, einbezogen in den Prozeß einer unerbittlichen Argumentation, sein Vor-Wissen als indoktriniert (aber nicht begründet) und scheinhaft (also im Widerspruch zu den Fakten befindlich) erkennt. In vier Schritten, vier exakt auskalkulierten Prozeßpositionen und einem Vorspiel, wurde die Scheinmeinung mit der Wahrheit konfrontiert.

Vorspiel: Auf dem Bildschirm erscheint ein Schild, das auf die Staatsspitze der Deutschen Demokratischen Republik verweist. Das Schild ist in der Mitte zerbrochen. Ein Opfer des Volkszorns am 17. Juni, denkt der Betrachter am Bildschirm; doch dann erfährt er, daß es ein Mann aus dem Westen war, der das Blech zertrümmerte, ein Antikommunist, der sich geweigert hat, vor der Kamera zu dem Ereignis von damals Stellung zu nehmen. Der Betrachter wird aufmerksam; er spürt, daß hier an einem heiligen Tabu gerüttelt werden soll; Mißtrauen stellt sich ein. Der Prozeß kann beginnen.

Erster Schritt: Die offizielle Version der DDR wird abgebaut. Die Agententheorie erweist sich als brüchig. Ein Allan Dulles und ein Jakob Kaiser hätten nicht Hunderttausende von Proleten in Bewegung gebracht. (Das Mißtrauen des Betrachters beginnt zu schwinden: Offenbar doch kein Film, der von drüben gelenkt worden ist.)

Zweiter Schritt: Die offizielle Version der BRD wird abgebaut. Die Theorie vom Volksaufbruch hält keiner Nachprüfung stand, die von Adenauer und Ernst Reuter erzählte Geschichte ist eine Legende. Am 17. Juni haben Arbeiter gestreikt, um gegen die Normenerhöhung zu protestieren. (Der Betrachter ist zweifelnd: Und die Schilder „Der Spitzbart muß weg“, „Wir wollen freie Menschen sein“ – was ist mit denen? Ging es wirklich nur um die Normen vor zwanzig Jahren?)

Dritter Schritt: Die These von der Arbeiterrevolte wird untermauert und gewinnt durch eine Analyse des Neuen Kurses von 1953 Anschaulichkeit – der Prolet als der Düpierte! Damit ist der entscheidende Punkt der Sendung erreicht: Jetzt steht zur Debatte, auf welche Weise sich der Bauarbeiterstreik – dieser Kontakt mit der Partei, der nach Brechts Tagebucheintragung vom 20. August 1953 in der Form des Faustschlags kam – in eine allgemeine Rebellion verwandelte und mit wessen Hilfe die sozialen Forderungen nationalisiert wurden. Das Stichwort heißt: Einstieg (von Seiten des RIAS, der Geheimdienstorganisationen, des Pöbels). Die Umfunktionierung der roten (auf einen demokratischen Sozialismus abzielenden) in eine weiße Revolution wird sichtbar ... eine Revolution, die man im Westen wollte (weil sie die Schwächung des Regimes in der DDR enthüllte) und die man nicht wollte (weil sie den Status quo verletzte) und die man so nicht wollte (RIAS-Direktor Eberhard Schütz: Die Form des Widerstands lag nicht in unserem Sinne).

Vierter Schritt: Nach dem Abbau der beiden Legenden und dem Aufbau der These von der – in ihrem Verlauf konterrevolutionär manipulierten – Arbeiterrevolte wird das Fazit gezogen. Es heißt: Der Aufstand kam im falschesten Moment, er hat Stalins Herrschaft über seinen Tod hinaus verlängert und den Neuen Kurs, kaum daß er begann, abrupt beendet. Den Neuen Kurs, dem die Amerikaner und jener Deutsche mißtrauten, der am Ende des Bildschirmprozesses, in den Expertisen der Professoren Grosser und Löwenthal, als der Schuldige erschien, weil er, Arbeiter in Helden der Freiheit umschminkend, ein Spiel für offen erklärte, das schon längst, und dies von Anfang an, verloren war. Am Ende des vierten Schritts, als man von Adenauer sprach, wurde das Tribunal über den 17. Juni zu einem Tribunal über einen Abschnitt deutscher Geschichte.

Den Adolf-Grimme-Preis für Lutz Lehmann: Sein Film über den 17. Juni ist ein Musterbeispiel jenes bildlichen Laut- und Vordenkens, das den Zuschauer nicht vergewaltigt, sondern ihn zum Mitdenken zwingt. Den Prozeß eigener Grübeleien offenlegend – vor-denkend, aber nicht vorschreibend – appellierte Lehmann an den Verstand des Betrachters am Bildschirm, indem er ihn, mit Lessing zu reden, davon überzeugte, daß derjenige am ehesten die allertiefsinnigsten Wahrheiten herausbringen werde, der die richtigen Definitionen aufsuche ... Und um diese eben ging es in dem Bericht über den 17. Juni. Momos