Bei einer der letzten Demonstrationen in Frankfurt sah ich, daß einer der Demonstranten den Boden einer Flasche abschlug, um sie als Waffe gegen Polizisten einsetzen zu können. Daß keiner der Umstehenden – auch ich nicht – versuchte, ihm diese Waffe abzunehmen, machte mich nachdenklich.

Warum demonstrieren Schüler und Studenten? Ganz einfach, sie gehen auf die Straße, um das Augenmerk der Öffentlichkeit auf Mißstände und Vorgänge in der Welt zu lenken, die nicht ganz ohne Billigung eben dieser Öffentlichkeit, denkbar sind. Doch von dieser guten Absicht – ich will sie hier nicht in Frage stellen – spürt der einfache Mann am Rande der Demonstration überhaupt nichts. Zum einen ist er in seinem Wohlstandsdenken befangen: Für ihn ist es ganz und gar abwegig, sich für eine Sache wie etwa die Menschenrechte einzusetzen, es sei denn, es ginge an seinen eigenen Kragen. Seine Energien werden durch die ihm unterschwellig eingegebenen Sehnsüchte nach Konsumgütern aller Art vollkommen beansprucht. Weitaus entscheidender aber ist, daß seitens der Demonstrierenden kaum etwas unternommen wird, um gegen seine Gleichgültigkeit wirksam anzugehen, ihn aufmerksam zu machen und genau zu zeigen, welche Probleme auf den Nägeln brennen. Demonstrationskluften, rote Fahnen und Spruchbänder, unverständliche Sprechchöre und Spurteinlagen scheinen sich eher gegen den Bürger zu richten, den es doch eigentlich gilt, für die Sache zu gewinnen. Und wenn die Leute am Straßenrand dann auch noch mitleidig lächeln oder anfangen zu schimpfen, dann ist es mit der Geduld der Demonstrierenden vorbei. Kommt es dann am Ende der Demonstration noch zu Straßenschlachten zwischen Demonstrierenden und Polizei, seien sie nun provoziert durch Minderheiten der Demonstrierenden oder durch übermäßiges Polizeiaufgebot, tröpfelnde Wasserwerfer und ungerechtfertigte Einsätze, dann fühlt sich der Mann auf der Straße in seiner Meinung bestätigt: Nur auf Gewalt und sinnlose Zerstörung kommt es den Demonstranten an. Mit Steuergeldern wird er dafür bezahlen müssen, daß die Demonstranten alles kaputtschlagen. Eine Demonstration, wie sie leider immer noch die Regel ist, kann die Öffentlichkeit nicht für eine Sache gewinnen, im Gegenteil, sie bindet sie nur noch mehr an eine antidemokratische Anschauung, mit der es sich bequem ohne Eigenverantwortung leben läßt. Und wenige Bürger fühlen mitden Demonstrierenden, wenn sie von der Polizei zusammengeknüppelt werden.

Obwohl nur die wenigsten Demonstrierenden eine politische Anschauung befürworten, die vorsieht, ein sozialeres Gemeinwesen notfalls auch gegen den Willen der Mehrzahl der Betroffenen durchzusetzen, ist eine Demonstration heute noch weitgehend durch diese Ideologie geprägt. Die Diktion von Flugblättern, und die Stimmlage der Sprechchöre ist aggressiv und muß diejenigen vor den Kopf stoßen, die es doch für eine Sache zu gewinnen gilt.

Ich glaube mit ruhigem Gewissen behaupten zu können, daß die Mehrzahl der Demonstrierenden es begrüßen würde, wenn man sich etwas ernsthafter um die Bürger bemühte. Wenn eine Demonstration erfolgreich sein soll, so muß sich die bisher schweigende Mehrheit der Demonstrierenden artikulieren und in ihrem Bemühen um die Öffentlichkeit die noch immer besser organisierte Minderheit aus ihrem übermäßigen Einfluß drängen. Stephan Birk, 19 Jahre