Der Frauen – alle Meister

Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza dementierte Fluchtabsichten. „Ich denke nicht daran“, beteuerte der Herr über ein weitgefächertes Industrie-Imperium, „aus Deutschland rauszugehen.“

Doch mehr als von dem Dementi des 52jährigen Milliardärs ließen sich aufmerksame Beobachter von seinen jüngsten Transaktionen beeindrucken: Innerhalb nur weniger Monate stieß der Enkel des legendären Ruhrmagnaten August Thyssen mehr als die Hälfte seiner deutschen Firmen und Beteiligungen ab. Nachdem er nach seinem Teilausverkauf in der Bundesrepublik jetzt nur noch an der Bremer Vulkan-Werft (zu gut 75 Prozent) und an der Thyssengas in Duisburg (zu 50 Prozent) beteiligt ist, konnte er per 1. Juni sogar seine Düsseldorfer Koordinations-Zentrale „Deutsche Industrie“ schließen.

Mit seinem Exodus auf Raten markierte der Chef der in Amstelveen bei Amsterdam beheimateten Thyssen-Bornemisza. Group NV (Jahresumsatz 1972: rund 916 Millionen Mark) den Beginn einer neuen Geschäftspolitik. Ihr Ziel: die Aufgabe von Sparten mit „abnormal großen politischen und wirtschaftlichen Risiken“ (Geschäftsbericht) zugunsten neuer Aktivitäten in hochrentierlichen Konsumgüterzweigen. Die bei seiner Umschichtungs-Aktion in der Bundesrepublik freiwerdenden Millionen will der Thyssen-Enkel vor allem in England und Frankreich anlegen.

Mit seinem unternehmerischen Kraftakt vollzieht der alerte Gründerenkel jetzt die nahezu völlige Trennung von jenem imposanten Industrieerbe, das August Thyssen einst seinen vier Kindern hinterließ. Folgte Augusts ältester Sohn Fritz, auf dessen Familienzweig der heutige Konzern der August Thyssen-Hütte zurückgeht, daheim in Duisburg seinem Vater in die Führung des Montanimperiums, so zog es Bruder Heinrich hinaus in die Welt.

In Ungarn heiratete der junge Mann von der Ruhr die Baronin Margit von Bornemisza. Nachdem ihn sein Schwiegervater, der selbst ohne männlichen Erben geblieben war, auch noch adoptierte, durfte er sich Baron Thyssen-Bornemisza nennen. Sohn Hans Heinrich, der heutige Chef der von der Thyssen-Hütte völlig unabhängigen Bornemisza-Gruppe, wurde in Den Haag geboren und residiert, seit er in den fünfziger Jahren seine ungarische gegen die Schweizer Staatsbürgerschaft eintauschte, im Millionärsrefugium Castagnola an den Ufern des Luganer Sees.

Der Name des in vierter Ehe mit der Brasilianerin Liane Denise Shorto verheirateten Thyssen-Sprößlings zierte allerdings lange eher die Klatschspalten der Boulevardzeitungen als den Wirtschaftsteil seriöser Gazetten. Die Öffentlichkeit erfuhr bestenfalls noch über seine wertvolle Kunstsammlung, die unter anderem Gemälde von Rembrandt, Holbein, Goya, Tizian und Nolde enthält.