Heimaey, im Juni

Die Uhr an einem der Verwaltungsgebäude in Vestmannaeyjar zeigt zwei Minuten vor zwei Uhr an. Seit Monaten haben sich die Zeiger nicht mehr bewegt. Sie erinnern an die unheilvollste Stunde dieser Stadt auf der Insel Heimaey: In der Nacht zum 23. Januar, wenige Minuten vor zwei Uhr morgens, waren Feuer und Schrecken über die Menschen gekommen. Unter Grollen und Donnern hatte sich plötzlich die Erde am Rande der Stadt Vestmannaeyjar geöffnet, aus unermeßlichen Tiefen wären Lava, Asche und giftige Dampfwolken emporgeschleudert worden.

Fast fünf Monate sind seit der Nacht des Grauens vergangen. Das nervenerschütternde Urgetöse ist verklungen. Über dem Kirkjufjell schweben friedliche weiße Dampfwolken, die nur selten von dicken, giftig-grauen Rauchstößen vertrieben werden. Aber aus dem drohenden Spalt des „Kirchbergs“ fließt weiterhin die rotglühende Lava. Niemand weiß, ob sie, beschleunigt durch neue Eruptionen, Vestmannaeyjar nicht doch noch völlig verschlingen wird.

Bis zum 23. Januar lebten hier mehr als 5000 Menschen. Wohlhabende Fischer zumeist, die die fischreichsten Meeresgründe des Atlantiks rings um die Westmänner-Inseln ausbeuteten, Unternehmer, die die Fische einfroren und weiterverarbeiteten. Heute ist Vestmannaeyjar eine Geisterstadt. Die Häuser stehen leer und verlassen. Die Fenster sind mit Stahlplatten vernagelt, die Dächer mit Holzbalken abgestützt, damit sie dem Aschenregen widerstehen können. Gut dreihundert der Wohngebäude mit ihren roten und grünen Dächern wurden in den ersten Tagen nach dem Ausbruch vernichtet: in Brand gesetzt durch feurige Lavabomben, zusammengebrochen unter tonnenschwerer Aschenlast oder einfach beiseite geschoben vom unaufhaltsamen Strom der Lava.

Heute leben nur noch etwa 250 Männer im drohenden Schatten des Kirkjufjell. Mutige Inselbewohner, die sich auch von der immer präsenten Gefahr nicht abhalten lassen, die gröbsten Spuren der Katastrophe zu beseitigen. Es gibt so viel zu tun für sie, daß sie kaum dazu kommen, sich der Bedrohung und vor allem auch ihrer Einsamkeit bewußt zu werden. Nur selten landen Flugzeuge, die in einer knappen Flugstunde von Reykjavik herüberkommen, auf der Landebahn südwestlich des Kraters. Das Risiko ist noch immer zu groß, um, allen, die das Naturereignis bestaunen oder ihre Heimat wiedersehen wollen, das Betreten der Insel zu gestatten.

Auf große Besucherströme ist der Inselflughafen ohnehin nicht eingerichtet. Die Startbahn aus festgestampfter Lava ist kurz, und stürmische Winde verhindern sehr oft den Anflug. Aber auch die Isolierung von der Umwelt hat die Restbesatzung auf Heimaey nicht verzweifeln lassen. Direkt neben dem Flugfeld kann der verängstigte Besucher ein Symbol für den Überlebenswillen der zurückgebliebenen Inselbewohner sehen: ein kleines, ungefüges Flugzeug, von dem Kunstdünger und Grassamen über die Lavafelder gestreut werden.

Heimaey soll wieder grün werden. Aber bis dahin werden die Männer, die die Bulldozer und Lastwagen fahren, noch viel zu tun haben. Über zwei Millionen Tonnen Lavaasche sind auf die Stadt niedergegangen. Wie schwarzer Schnee hat sie alles unter sich begraben, Häuser, Straßen, Wiesen. Eine schwarze Fläche auch der Friedhof, an den nur ein einsames weißes Kreuz erinnert.