Zum viertenmal in diesem Jahr hat Indira Gandhi die Notbremse gezogen, die die indische Verfassung für den Fall regionaler Krisen eingerichtet hat: Nach den Unionsstaaten Orissa, Manipur und Andhra Pradesh wurde am vorigen Mittwoch auch der volkreichste Gliedstaat Uttar Pradesh (90 Millionen Einwohner) unter Direktverwaltung gestellt.

Die Gründe für diese „direct rule“ oder „President’s rule“ sind jeweils unterschiedlich, wie auch die lokalen Machtverhältnisse differenzieren. In Orissa und Manipur scheiterten unstabile Koalitionen unter Führung der auch in Neu-Delhi herrschenden Kongreß-Partei. In den beiden anderen Unionsstaaten regierte die Kongreß-Partei zwar mit großer Majorität. Aber in Andhra Pradesh ist sie in sich zerrissen; in Uttar Pradesh trat der Regierungschef Tripathy mit seinem kaum noch von der Bevölkerungsmehrheit gestützten Kabinett zurück.

Er war zuvor von der indischen Ministerpräsidentin Frau Gandhi vergeblich aufgefordert worden, das Kabinett umzubilden, nachdem es in Uttar Pradesh im Mai eine Rebellion der Polizei gegeben hatte. Soziale Unzufriedenheit war aus nichtigem Anlaß in eine Meuterei übergegangen, bei der es 30 Tote gab.

In Andhra Pradesh dagegen verbinden sich soziale Fragen mit separatistischen Tendenzen. Damit spiegelt die große Südostprovinz (50 Millionen Menschen) die beiden Zentralprobleme des Subkontinents in sich wider. In Andhra Pradesh gibt es ein altes Privileg für die sozial und wirtschaftlich rückständige Telengana-Region im ehemaligen Herrschaftsbereich des Nizam von Haiderabad: Ihre Einwohner werden beim Besuch von Schulen und Universitäten und bei der Einstellung in den Staatsdienst bevorzugt.

Daraus ergaben sich Reibungen, die nun von Seiten beider Volksgruppen, im kleineren Telengana- und im größeren Andhra-Bereich, zu Teilungswünschen führten, wogegen sich aber die Zentralregierung in Neu-Delhi wehrt.

Eine Ermunterung aller zentrifugalen Kräfte unter dem 500-Millionen-Volk wäre, wenn sie hier nachgibt, die sichere Folge. Separatistische Sonderentwicklungen würden aber nicht nur Indiens mühsam errungene Vormachtstellung in Südasien schwächen. Sie würden auch die Energien für die umfassenden Entwicklungsprojekte verzetteln, vor allem beim Kampf gegen Hunger und Übervölkerung (allein Uttar Pradesh wächst jährlich um 1,5 Millionen).

Die Provinzquerelen irritieren Nehrus Tochter um so mehr, als ihre noch 1972 triumphale Kongreß-Partei heute angeschlagen von Vorwürfen der Korruption und Vetternwirtschaft inmitten von Dürrekatastrophen, Arbeitslosigkeit und Teuerung steht. Der Glanz des Sieges über Pakistan ist zudem im diplomatischen Schützengrabenkrieg zwischen Neu-Delhi, Dacca und Islamabad um die Kriegsfolgeprobleme weithin verblaßt.