Als Calouste Sarkis Gulbenkian am 20. Juli 1955 in Lissabon starb, hatte sich der alte Herr so lange und so gut mit Öl aus dem Mittleren Osten beschäftigt, daß er der seinerzeit vermutlich reichste Mann der Welt war. Nachdem er seine nächsten Angehörigen für den Rest ihres Lebens gesichert hatte, vermachte er sein übriges Vermögen einer Stiftung, die er in Lissabon hatte gründen lassen und in deren Kuratorium in der Hauptsache Portugiesen sitzen. Die Stiftung hat vier verschiedene Programme: Kunst, Erziehung, Wissenschaft und soziale Fürsorge, und alle vier arbeiten sowohl im In- wie Ausland.

Ihre musikalischen Initiativen sind zweifellos nur ein ganz kleiner Teil des Kunstprogramms, dennoch haben sie das ansonsten eher fade Lissaboner Musikleben bereits beträchtlich umkrempeln und dafür sorgen können, daß diese wunderbare Stadt auch eine der musikalisch wichtigen Hauptstädte wird.

Zur Zeit läuft in drei Auditorien des ungewöhnlich schönen Kulturzentrums der Stiftung wieder eine Serie von Musik- und Tanzveranstaltungen (13. April bis 21. Juli) mit fünf Programmen pro Woche bei annehmbaren Preisen. Ihr Höhepunkt war vielleicht die Uraufführung des Canticum Canticorum Salomonis, das letzte Werk von Krzysztof Penderecki in jener Kette von oratorienhaften Stücken, die vor fast zehn Jahren mit der Lukas-Passion begann, gemäß dem literarischen Vorwurf ein eher fragmentarisches Stück (in lateinischer Sprache), das während der Aufführung ziemlich unverständlich bleibt und wie die Spiegelung der Eindrücke erscheint, die die erotischen Gedichte Salomons auf den Komponisten gemacht haben müssen.

Penderecki beschäftigt hier sechzehn Choristen mit je verschiedenen und unglaublich komplizierten Stimmparten. Die Musik besteht wieder aus den hinlänglich bekannten und für Penderecki typischen Tontrauben, aus Schleiftönen und Improvisationskomplexen. Das Canticum bezeichnet vielleicht keinen besonderen Fortschritt für den hochbegabten Komponisten, aber es fügt seinem inzwischen sehr ansehnlichen Werkkatalog ein lohnendes neues Stück hinzu.

Werner Andreas Albert, ein talentierter deutscher Dirigent, der schon seit mehreren Spielzeiten das Gulbenkian-Orchester leitet, bot eine höchst eindrucksvolle Aufführung, zumal er sich auch auf den Nederlands Radio Chorus und Les Percussions de Strasbourg stützen konnte. Ovationen wie übrigens auch für Siegfried Palm, der im gleichen Konzert Pendereckis Cello-Sonate spielte.

Jene sechs Straßburger Schlagzeuger hatten zwei Abende später ihren speziellen Triumph in einem Konzert mit Musik von Miroslav Kabelac, Tona Scherchen, Georges Asperghis und Kasimierz Serocki. Einmal wegen ihres musikalischen Feingefühls, darüber hinaus aber vor allem wegen ihrer stupenden Präzision und Virtuosität ist diese Gruppe zweifellos einmalig in der Welt und ohne Konkurrenz.

Es gab – um kurz ein solches Wochenprogramm zu resümieren – noch eine andere Uraufführung eines Chorwerks, eine Auftragsarbeit der Stiftung, „Litorial“ von der Portugiesin Maria de Lourdes Martins, auf einen futuristischen Text von José de Almada Negreiros – sie fiel entsetzlich durch, nicht zuletzt, weil sie sich an Pendereckis Stück messen lassen mußte. Im gleichen Programm empfahl sich die polnische Cembalistin Elisabeth Chojnacka mit dem De-Falla-Konzert und Maurice Ohanas phantasievollen „Algarismos“. Schließlich noch ein hochanständiger Schumann-Abend, mit dem der portugiesische Pianist Sirgio Varela Cid sich empfahl.