Zweieinhalb Milliarden Jahre, in der präkambrischen Ära der Erde, hatte die Evolution fast stillgestanden. Nur wenige Kleinstlebewesen – Algen, Bakterien und Pilze – haben die Paläobiologen aus der Zeit, in der sich die Urkontinente und Ozeane formiert hatten und die Eiszeiten über die Erde hinwegzogen, in bestimmten Gesteinsschichten ausmachen können. Selbst nachdem sich die beiden wichtigsten evolutionären Fortschritte eingestellt hatten, als erstmals Chromosomen auftauchten und einzelne Arten sich sexuell fortzupflanzen begonnen hatten, dauerte es abermals 300 Millionen Jahre, ehe die Anzahl der Spezies langsam anstieg.

Dann aber – vor nunmehr 600 Millionen Jahren im kambrischen Erdzeitalter – ging alles sehr schnell: Plötzlich tauchten vielzellige Organismen auf, pflanzten sich fort und bildeten sich zu höheren komplexeren Arten. Diese rasche, nach geologischen Maßstäben geradezu explosionsartige Ausbreitung und Vervielfältigung der Arten blieb den Biologen lange Zeit ein rätselhaftes Phänomen. Zumindest gab es keine einfache und biologische Erklärung für das plötzliche Erscheinen lebender Vielfalt.

Doch das frühgeschichtliche Rätsel, an dessen Lösung die Wissenschaftler seit Darwins Zeiten herumpuzzeln, scheint nun erklärbar. In der Mai-Ausgabe der „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichte Steven M. Stanley, Paläobiologe an der Johns Hopkins University, eine verblüffend einfache Theorie über die Entstehung höheren Lebens auf der Erde. Stanleys These basiert auf einem ökologischen Konzept, das seit etwa sechs Jahren bekannt ist: auf der Theorie des Cropping.

„Wenn auf einem geeigneten Stück Land“, sucht der amerikanische Wissenschaftler die Cropping-These vergleichend zu erläutern, „Gras ausgesät wird und auch entsprechend günstige Umweltbedingungen gegeben sind, so wird auf dem Feld das Gras dominieren, Unkraut kaum zu finden sein.“ Sobald aber – und dies haben die Cropping-Experten in den letzten Jahren im Experiment nachweisen können – Schafe zum Abweiden auf das Land getrieben werden und dabei einzelne Grasbüschel samt Wurzel herausreißen, wuchert auf den graslosen Stellen alsbald Unkraut. Biologisch gesehen bildet sich mithin eine größere Anzahl von Arten innerhalb einer Umwelt, in der vormals eine einzige Pflanzenart dominiert hatte.

Ähnliches geschieht in der Tierwelt. Sobald ein Raubtier in ein Gebiet eindringt, das von anderen Tierspezies beherrscht wurde, wird der fleischfressende Eindringling künftig die Rolle eines Entwicklungspolizisten übernehmen, der über die Entstehung und Ausbreitung neuer Tierarten durch seine Freßlust entscheidet. „Nicht länger mehr“, so Cropping-Experte Stanley, „sind die vormaligen Umweltfaktoren – wie Licht, Raum und das Nahrungsmittelangebot – der beherrschende Engpaß, unterhalb dessen sich neue Lebensformen entwickeln können.“ Das Verblüffende und gleichermaßen Paradoxe an dieser These ist nun, daß nicht etwa die Anzahl der verschiedenen Tierarten durch die Anwesenheit des gefräßigen Eindringlings zurückgeht, sondern vielmehr zunimmt.

Wird die Cropping-Theorie des 20. Jahrhunderts auf die zweieinhalb Milliarden Jahre zurückliegende präkambrische Epoche übertragen, so gilt will man Stanley glauben – gleiches. Algen und Bakterien hatten sich damals gebildet, die ihre Nahrung aus dem Licht und der „Suppe“, in der sie lebten, bezogen. Platz für die Entwicklung neuer Arten war nur beschränkt vorhanden. Die ersten Mikroorganismen füllten die Umwelt völlig aus: „Die Evolution“, so Stanley, ging mithin nur „sehr langsam voran“. Es dauerte Millionen von Jahren, ehe sich in einer derart evolutionsfeindlichen Umwelt Lebewesen bilden konnten, die sich von den dominierenden Organismen ernährten, um sich so weiterentwickeln zu können.

Als jedoch diese Barriere überwunden war, änderte sich „der sich selbst begrenzende Charakter des gesamten Lebenssystems sehr schnell“ (Stanley). Die tierartigen Organismen ernährten sich von den Algen, die – da nun die natürlichen Grenzen nicht mehr existent waren – neue Arten bildeten. Dies wiederum führte dazu, daß auch innerhalb der Tierwelt neue Spezies entstanden, da das Nahrungsangebot plötzlich reichhaltiger und verschiedenartiger geworden war – die Evolution kam ins Rollen. Daß es wissenschaftlich zulässig ist, die Theorie des Aberntens getrost in die Frühzeit irdischen Lebens zu übertragen, belegt der amerikanische Wissenschaftler mit einem zweiten Forschungsergebnis. Bekannt ist seit geraumer Zeit, daß die Grün- und Blaualgen jener Frühepoche sich mitunter zusammenballten und so die sogenannten Stromatolithen formten. Diese Algenarten haben sich über die Jahrmilliarden erhalten, nur bleibt ihnen kaum Gelegenheit, gleichartige Gebilde zu schaffen wie ehedem – denn meist sind sie die Nahrung höher entwickelter Lebewesen. Dennoch wachsen Stromatolithen auch jetzt noch unter besonders günstigen Umweltbedingungen, so etwa in salzhaltigen Meeresbuchten oder Lagunen, wo keine anderen Lebewesen leben können.