Ist die Emanzipation in eine neue Phase getreten?

Von Martin Greiffenhagen

Alle politischen Begriffe seien polemische Begriffe, hat ein kluger Mann einmal gesagt. – Emanzipation bezeichnet heute als ein hoch brisanter politisch-polemischer Begriff den Frontverlauf zwischen gegnerischen Linien. Das war nicht immer so. Erst im 19. Jahrhundert verwandelte das Wort seinen bis dahin rein rechtlichen Sinn der Freilassung des Kindes aus väterlicher Gewalt, auch von Sklaven aus der Macht des Herrn, in einen politischen, so daß man in der großen Encyclopädie von Ersch und Gruber 1840 lesen konnte, „Emanzipation sei zu dem praktisch wichtigsten aller Begriffe, namentlich aber zum Mittelpunkt aller Staatsfragen der Gegenwart oder unserer Zeit geworden. Derselbe Grundgedanke nämlich, welcher die Freilassung der Kinder aus der väterlichen Gewalt, sobald dieselben zur äußeren und inneren Mündigkeit und Selbständigkeit herangewachsen sind, als rathsam oder nothwendig fordert, läßt sich der Natur der Sache nach auf solche persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse ausdehnen, deren Aufhören unter gewissen Bedingungen oder Voraussetzungen ebenfalls eine Forderung der Vernunft ist... Auf diese Weise entwickelt sich der Begriff Emanzipation, als bürgerliche oder politische Gleichstellung aller derer, die in einem solchen Abhängigkeitsverhältnis zu Andern standen oder stehen.“

Wir scheinen heute in einer neuen Phase dieses politischen Prozesses zu stehen. Den Bauern, Bürgern, Arbeitern, Frauen, Juden, konfessionellen und nationalen Minderheiten haben sich, in gegenseitigem Verbund, weitere Gruppen angeschlossen: Studenten, Schüler, Lehrlinge, Homophile, viele Gruppen, die durch Arbeitsverhältnisse abhängig sind.

Kampf gegen Herrschaft

Das emanzipative Argument ist dasselbe geblieben: Man kämpft für Selbstbestimmung gegen Fremdbestimmung, für die Freiheit, seine Arbeitsbedingungen, Studienbedingungen, gesellschaftliche Rollen selbst zu finden oder zu bestimmen. Im Blick steht immer ein Gegner mit der Macht, mir seinen Willen aufzuzwingen. Emanzipation bedeutet Kritik an nicht legitimierter Herrschaft. Herrschaft begegnet uns dabei in dreierlei Gestalt: als Naturzwang, als gesellschaftlichen Zwang und als Selbstzwang der Person, die noch nicht zur Identität sich hat befreien können.

Nachdem diese neue emanzipative Phase in den sechziger Jahren in Gang gekommen war und zu beträchtlichen Veränderungen geführt hat, beobachtet man gegenwärtig eine gewisse Unsicherheit, Resignation, auch deutliche Gegenströmungen. Jedenfalls triumphieren die Konservativen und sehen zum erstenmal seit langem wieder ihre Stunde gekommen. Wohin, so fragen, sie höhnisch, haben alle diese Aufstände geführt? Und dann folgt eine inzwischen wohlbekannte Liste angeblich schiefgelaufener Emanzipationen: Die Emanzipation von der Natur zwang den Menschen zu ihrer Ausbeutung, als deren Folge sich heute Umweltprobleme stellen.