In revidierter Fassung legt Urs Jaeggi, Soziologieprofessor an der Freien Universität Berlin, sein 1969 erschienenes Buch „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ vor: eine gesellschaftliche, ökonomische und politische Bestandsaufnahme. Ausführliche Zitate der einschlägigen soziologischen Literatur vermitteln zugleich eine Übersicht über deren vielfältige Interpretationen. Schließlich wird man in die Reflexionen der sozialistischen Linken eingeführt, für die der Autor

Urs Jaeggi: „Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik. Elemente einer gesamtgesellschaftlichen Analyse“; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1973; 405 S., Ln., 32,– DM; ebenfalls im Fischer Taschenbuch Verlag, Bd. 6510; 5,80 DM

einen Beitrag liefern will. Methodologisch beruft er sich auf den Marxismus, ohne die damit verbundenen Schwierigkeiten schon in der Terminologie zu verkennen. Jaeggi versucht auch nicht, mit gängigen Klischees zu operieren. Als Realist bewahrt er Distanz auch gegenüber den diversen Linken, denen er bei aller Sympathie auch Verweise erteilt.

Jaeggi hat viel empirisches Material gesichtet, um Macht- und Besitzverhältnisse in der Bundesrepublik darzustellen. Durchleuchtet wird die Wirtschaftsstruktur, die Rolle der Parteien und Gewerkschaften, der Verbände und des Staates. „Nach wie vor haben wir es in der BRD mit einer kapitalistischen Gesellschaftsformation zu tun, gekennzeichnet durch Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer daraus resultierenden Produktionsweise, sowie der entsprechenden Klassenstruktur.“ Diese klassische These schließt alle Theorien aus, die den Begriff einer postkapitalistischen Gesellschaft anvisieren.

Dennoch sollen bereits vollzogene Veränderungen berücksichtigt werden. Es gelte, Marx’ Theorie „zu rekonstruieren“. Freimütig heißt es, daß man damit „noch in den Anfängen“ stecke. Das von DDR-Experten formulierte Konzept eines „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ (Stamokap) lehnt der Autor ab, weil der Staat kein „Gesamtkapitalist“ sei: „Ein Konzept, das dies prätendiert, stilisiert das kapitalistische System als fertiges‘ und damit als stabiles oder zumindest auf Dauer stabilisierbares.“

Jaeggi nimmt eine Reihe von ökonomischen und politischen Machtzentren an, die durch zahlreiche Vermittlungen verbunden sind, aber keineswegs reibungslos funktionierten. Dagegen verwirft er die Pluralismustheorie, so daß sein Standpunkt irgendwo zwischen ihr und Stamokap auszumachen wäre.

Eindrucksvoll ist die Information über Wirtschaftskonzentration, Vermögens- und Einkommensverteilung; doch die neueste Entwicklung scheint ungenügend verarbeitet. Immerhin konnten selbst verhärtete Institutionen gelockert und in Bewegung gesetzt werden.