ARD, Sonnabend, 16. Juni: „Zwei Einakter von Ludwig Thoma“

Am Rande war alles verzerrt, im Zentrum nicht. Die Programmheftankündigung jedenfalls, man sehe Ludwig Thomas Einakter „Gelähmte Schwingen“ und „Erster Klasse“ „in einer Aufführung des Residenztheaters München“ war nicht nur irreführend, sie war falsch. „Erster Klasse“ gab es weder in der live-Übertragung noch als Fernsehaufzeichnung eines Theaterabends. Es handelte sich vielmehr um das Aufzeichnungs- und Schnittergebnis einer (geschickten) Regieoperation Kurt Wilhelms im Studio des Bayerischen Rundfunks: mit Kräften des Residenztheaters, mit seinem Ensemble. Wilhelm hatte die Theaterszenen aufgebrochen und die Teile, unter Wahrung der Dialogstrukturen des Stückes von Thoma, in einen neuen, fernsehplausiblen optischen Zusammenhang eingebracht (Szenenbild: Walter Dörfler).

Von einem „Gleichgewicht“ der Komplexe etwa, des Anekdotisch-Idyllischen (Verladen des Ochsen auf der Bahnstation zum Beispiel) und des Kritisch-Satirischen (im gesellschaftlich-politischen Bereich) konnte keine Rede sein: Dem Anekdotischen wurde (an dieser Stelle war es heilsam, auch im Fernsehen der Empfehlung des Theaters zu folgen) keine Chance gegeben, zu überwuchern und allzu weit abzuschweifen.

Besetzung und Spiel ermöglichten es dem Regisseur, wichtigste Punkte des Stücks bloßzulegen, des Autors kritische Ziele und seine – nein, nicht Doppelbödigkeit, sondern – Vorbehalte und kunstvolle Hinterhältigkeiten, die sich schließlich auflösen in einer Kopulation aus bäuerischer Deftigkeit und homerischem Gelächter. Wendet sich die Satire zunächst vornehmlich gegen den Preußen, zwickt und zwackt sie den Neuruppiner Kaufmann Stüver, diesen dünkelhaften Tölpel, so richten sich die Scheinwerfer der Verachtung später auf einen Bayern, den königlichen Ministerialrat von Scheibler, einen waschlappigen, eitlen Opportunisten (Hans Baur). Schablonenhafte bajuwarisch-chauvinistische Klassifizierung findet also keineswegs statt. Und die Oberhand behalten schließlich nur jene Typen Filser und Gsottmaier, die sich von ihrer Urwüchsigkeit bald tragen lassen, diese bald selber gemütvoll-verschlagen ins taktische Spiel bringen, ihrer Politik und Moral wegen. Und um auch ein wenig respektlos gegen das zu rebellieren, was man bei uns noch vor ein paar Jahren verschwenderisch Establishment nannte (Beppo Brem und Gustl Bayrhammer).

In der Ansage zu den „Gelähmten Schwingen“ hieß es etwa, das Stück ziele nicht gegen Ganghofer, den einen, sondern, weit allgemeiner, gegen Trivialdichter. Gewiß. Es wurde auch davon gesprochen, daß Thoma „durch den Kakao ziehe“. Eine Verharmlosung. In Wirklichkeit treibt Thoma ein nicht sehr differenziertes, aber raffiniert hinterhältiges, ja hämisches Spiel. Otto Haselwanter („ein Dichter“) zum Beispiel, der gestern mit einem Schauerdrama beim Publikum durchfiel, wird ausgerechnet von einem grobschlächtigen, sentimentalen und völlig amusischen Metzgermeister, seinem Schwiegervater, zur Rede gestellt, er solle doch anders schreiben: „... de Schlamperei muaß an End’ hamm... Von heut ab werd modern dicht?“

Daß dann der Metzgermeister, dessen Einwand ökonomischer Natur ist, beim ersten Angriff auf seine Tränendrüsen selber umfällt, ist leicht begreiflich. Aber es geht bei weitem nicht nur und nicht in erster Linie darum, daß hier „durch den Kakao gezogen“ wird. Es geht unter anderem um die diabolische Verzwicktheit der Situation, um die groteske Verzahnung von materiellen und künstlerischen Interessen.

Der Bayerische Rundfunk geriet mit dem Thomas-Programm nicht gerade in das seichte Fahrwasser eines Millowitsch oder vieler Sendungen aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater.

René Drommert