Von Gabriele Venzky

Großbritannien, neben Frankreich einst bedeutendste Kolonialmacht auf dem afrikanischen Kontinent, muß sich entscheiden: Will es weiter Afrika in seiner Außenpolitik vernachlässigen, oder will es aus wohlverstandenem Eigeninteresse die Realitäten zur Kenntnis nehmen? Denn anders als die Franzosen, die es verstanden, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß im frankophonen Afrika noch einigermaßen zu wahren, verlieren die Engländer in ihren ehemaligen Kolonien rapide an Ansehen und Gewicht. Die Gründe dafür haben sie sich selbst zuzuschreiben. Einzige Konstante in der englischen Afrikapolitik war bisher die Konzeptionslosigkeit: das Hin- und Herschwanken zwischen der Verfechtung wirtschaftlicher Interessen und einem halbherzigen moralischen Anspruch, Vorkämpfer der Gerechtigkeit zu sein.

Es hat lange gedauert, bis die Politiker in Whitehall einsahen, daß sie Farbe bekennen müssen, daß sie handeln müssen, wenn es ihnen wirklich ernst ist um die Belange der Schwarzen, zum Beispiel in Rhodesien, Südafrika und in den portugiesischen Kolonien. Die Schwarzen haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie es als Pflicht Großbritanniens betrachten, sie von der repressiven Politik einer weißen Minorität zu befreien. Je bescheidener die Erfolge der Guerillabewegungen waren, desto hartnäckiger erklangen die Appelle an die Verantwortlichkeit der Engländer. Wenn Großbritannien nicht noch weitere Rückschläge in Afrika hinnehmen will, muß es jetzt einen klaren Standpunkt beziehen.

Die Engländer scheinen dazu bereit zu sein. Anders sind die Aufmerksamkeiten nicht zu verstehen, mit denen sie den nigerianischen Staatschef Gowon in der vergangenen Woche überschütteten. Das lag nicht daran, daß der General der erste Staatschef eines schwarzafrikanischen Commonwealth-Staates war, der zum Staatsbesuch gekommen war, das lag auch nicht daran, daß London die letzten noch aus der Zeit des Biafra-Krieges herrührenden Differenzen mit Nigeria aus der Welt schaffen wollte. Es ging vielmehr um handfeste wirtschaftliche Interessen und um den Versuch, sich mit einem der kommenden Männer Schwarzafrikas gut zu stellen.

Denn einmal bezieht England zehn Prozent seines Ölbedarfs aus Nigeria, und angesichts der Ölpolitik der arabischen Länder würde man dieses Quantum gern vergrößern. Zum anderen hofierten die Engländer in Gowon den Mann, der an der Spitze des stärksten Staates Schwarzafrikas steht und der aus seiner ökonomischen, politischen und militärischen Überlegenheit auch den Führungsanspruch unter den anderen schwarzafrikanischen Staaten ableitet. Nigeria ist mit 60 Millionen Einwohnern nicht nur der volkreichste, sondern auch der potentiell reichste Staat südlich der Sahara. Schon heute steht es an achter Stelle unter den erdölproduzierenden Ländern der Erde. Täglich werden 1,9 Millionen Barrels gefördert (1 Barrel = 159 Liter), und täglich fließen 3,4 Millionen Dollar in die nigerianischen Kassen.

Mit diesem Reichtum konnte Gowon es sich leisten, seine über eine Viertelmillion Mann starke Armee nach dem Biafra-Krieg nicht aufzulösen, sondern als schlagkräftige Truppe für alle Eventualitäten beizubehalten. Seine moderne Luftwaffe, die nur von nigerianischen Piloten geflogen wird, hat er bereits den benachbarten Staaten als Eingreifreserve angeboten.

Der selbstbewußte General reagiert empfindlich, wenn es um weiße Experten und Helfer geht. London, das lange Zeit glaubte, sich immer noch auf den Erfolgen seiner Kolonialbeamten ausruhen zu können, hat hier umdenken müssen. Erst als man dort begriff, daß eine Demokratie à la Westminster in Afrika nicht funktionierte und daß sich dort ein autoritäres Einparteienregime nach dem andern etablierte, war der Weg für eine neue Afrikapolitik frei. Diese Erkenntnis der Realitäten durch den britischen Außenminister Douglas Home markierte im vergangenen Jahr die Wende. Premierminister Heath beauftragte seine Politiker, das britische Interesse in Afrika neu zu definieren. Das bedeutet, daß London zwar noch die Vertreibung der Asiaten und Engländer aus Uganda ohnmächtig hinnehmen mußte, das bedeutet aber auch, daß es jetzt Vorkehrungen treffen kann, damit sich ein zweiter Exodus nicht ähnlich abrupt in Kenia und Tansania wiederholt.