Im Januar noch hatten Glocken den vermeintlichen Waffenstillstand eingeläutet. Diesmal läutete keine Glocke mehr. Es gab auch wenig Grund dafür, denn die Waffen schwiegen auch jetzt nicht, obwohl das Zusatzkommuniqué zum Pariser Vertrag wiederum die Waffenruhe vorschreibt. Das vage Abkommen, daß Kissinger und Le Duc Tho vor vier Monaten unterzeichneten, ist in der vergangenen Woche durch ein zweites vages Abkommen erweitert worden. Allein in den Punkten, die Hanoi unmittelbar betreffen, ist es präzise. Es werden feste Fristen gesetzt – für die Beendigung der amerikanischen Luftaufklärung über Nordvietnam und die Räumung der Minen, für die Freilassung aller Gefangenen und den Zusammentritt der Zweier-Militärkommission.

Doch abermals müssen sich die Vietnamesen mit Umschreibungen wie „unverzüglich“ und „so schnell wie möglich“ abfinden, wenn es um die politische Zukunft ihres Landes geht. Das betrifft die Wahlen, die die Saigoner Regierung mit Eile betreibt, ehe der Vietcong sich weiter etabliert, die Bildung des Nationalen Versöhnungsrats, den Thieu erst nach seinen Wahlen akzeptieren will, und auch die kartographische Festlegung der Einflußsphären auf dem südvietnamesischen Leopardenfell. Nach wie vor gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, daß sich die beiden südvietnamesischen Kontrahenten am Verhandlungstisch zusammenraufen werden.

Dennoch läßt das Zusatzkommuniqué einer wenn auch winzigen Hoffnung Raum: daß Hanoi es vielleicht aufgegeben hat, mit militärischer Gewalt vollendete Tatsachen zu schaffen. In Peking wurde seine Parteispitze jetzt auf Zeitgewinn eingeschworen. Siegeszuversichtlich können Nordvietnamesen und ihre Verbündeten sich der politischen Unterwanderung widmen und ohne allzu große Verpflichtung weiterverhandeln – auch über Laos und Kambodscha. Vy.