Der Kalender war gnädig. Daß der 17. Juni in diesem Jahr auf einen Sonntag fiel, überdeckte den Konflikt, den der Tag der deutschen Einheit heraufbeschworen hat. Die Frage, ob dieser Tag weiterhin ein Feiertag sein soll oder nicht, mußte diesmal nicht entschieden werden. Aber in Zukunft?

Es sind doch wohl zwei Faktoren, die dabei zu überdenken sind: erstens das Problem der Nation, zweitens die Frage des Feiertages. Gewiß, man kann darüber streiten, ob es noch sinnvoll ist, von einer Nation zu sprechen, wenn diese in zwei Staaten verschiedener Gesellschaftssysteme zerfallen ist. Noch fraglicher aber erscheint die Logik der Behauptung, jetzt gäbe es zwei Nationen, oder gar, die Nation habe sich durch staatliche Teilung ein für alle Male in Luft aufgelöst.

Nein, geschichtlich gewachsene Tatsachen sind unabhängig von flüchtigen Zweckmäßigkeitserwägungen oder modischem Sinn. Wir sollten da ruhig ein wenig mehr Vertrauen haben und weniger Gewicht auf Feiertagsbekundungen legen. Unser Verzeichnis historischer nationaler Feiertage gleicht ohnehin mehr einer Totenliste: 18. Januar, 2. September, 9. November... Der 17. Juni ein Feiertag? Ein paar Redner quälten sich nationales Pathos ab, der Rest des Volkes trank Bier, spielte Skat oder fuhr ins Grüne.

Wer neulich, am Vorabend dieses Gedenktages, im Fernsehen noch einmal die Bilder vom 17. Juni 1953 aus Ostberlin, Leipzig und anderen Städten der DDR sah, den würgte es in der Kehle und der hatte das Gefühl, daß den Hinterbliebenen jener Opfer, die für mehr Freiheit, Menschlichkeit und Normalität gestorben sind, die heutige Politik vermutlich wichtiger ist als die gestrigen Feiertage. Dff.