Von Ronald Granz

Benediktinerpater Maurus steht auf dem Vorplatz der 1700 Jahre alten Porta Nigra, klatscht kurz in die Hände und ruft die Riege älterer Damen „zum Weitermarsch“ zusammen. Dann sagt er ernst: „Das mit dem jungen Schneider hat keiner in Trier gewollt, wirklich niemand. Aber warum konnte der auch seinen Mund nicht halten.“

Bevor der Assistent des Diözesankonservators, Dr. Rüdiger Schneider-Berrenberg, im Februar dieses Jahres mit seinen kritischen „Anmerkungen zu den Restaurierungsarbeiten am Trierer Dom“ den Mund aufmachte und danach vom Generalvikariat „wegen beleidigender Äußerungen“ fristlos gekündigt wurde, hatten die Treverer den Arbeiten an der ältesten deutschen Domkirche (3. Jahrhundert) wenig Interesse entgegengebracht. Sie verstanden die Ausbesserungsarbeiten als eine Notwendigkeit und vertrauten im übrigen den Kirchenleuten.

Die Notwendigkeit dauert nun bereits rund zwölf Jahre. So lange hobeln, sägen und hämmern die Restauratoren jetzt an der Trierer Kathedrale, die „in ihrer Verbindung von römischen, romanischen und barocken Baugedanken einzigartig ist“ (Deutscher Kunsthistorikerverband). Und seit nunmehr drei Jahren verwehrt ein höher Bauzaun Gläubigen, Touristen und Einheimischen den Zugang – zugleich aber auch der Öffentlichkeit den kritischen Blick.

Erschreckt lasen die Trierer dann Mitte Februar im Trierer Volksfreund: „Die mit der Restaurierung beauftragten Kölner Architekten morden den Trierer Dom.“ Den Beitrag hatte der 32jährige Schneider-Berrenberg, der als Kunsthistoriker im Generalvikariat mit der Domrestaurierung selbst nicht befaßt war, geschrieben, „um die Flucht in die Öffentlichkeit anzutreten und eine Untat am Dom zu verhindern“.

Er tat dies, als feststand, daß Bischof und Domkapitel, ferner die Architekten Professor Gottfried Böhm und Diplomingenieur Nikolaus Rosiny nach einer „dem Denkmal in keiner Weise entsprechenden, total veralteten Restaurationsauffassung“ (Schneider-Berrenberg) den Putz von den Dom-Innenwänden schlagen lassen, wollten, um das Zweckmauerwerk „steinsichtig“ zu halten. In dem Artikel klagt er: „Ausgerechnet die Hohe Trierer Domkirche muß noch im Jahre 1973 in einer fanatischen Lust an der entblößten und nackten und deshalb ach so herrlichen Materialerscheinung und aus einer altmodischen Vernarrtheit in das vermeintliche Zerfallene und Unvollendete erbarmungslos dahingeschlachtet werden...“

Als die „Anmerkungen“ über die Restaurierungsarbeit und die Kündigung Schneider-Berrenbergs bekannt wurden, hagelte es Proteste von allen Seiten. Die Trierer Junge Union verurteilte die Kündigung als einen Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Wissenschaftler rügten „dieses anachronistische Verfahren, daß man einen Mauerbefund freilegt und unverputzt läßt, um dort eine Art historische Demonstration zu machen“, so Professor Willibald Sauerländer vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Noch vor Beginn dieser Arbeiten hatte Sauerländer als Vorsitzender des Deutschen Kunsthistorikerverbandes mehrmals gegen den Plan protestiert und die Einsetzung eines internationalen Gutachtergremiums gefordert.