Für britische Verhältnisse ist dieser Streik eine Lapalie: Nur 4500 der 29 000 Chrysler-Arbeiter in England sind im Ausstand. Und auch die Streikursache ist geringfügig: Die britischen Autoarbeiter protestieren gegen eine Lohnkürzung, die ihnen durch einen – von ihnen unverschuldeten – Produktionsausfall gemacht wurde. Ein Kompromiß zwischen dem US-Autokonzern und den streikenden Arbeitern wurde bislang nicht gefunden – der Streik dauert nunmehr drei Wochen.

Dennoch geriet der Chrysler-Streik in die Schlagzeilen der britischen Presse, denn er eskalierte zu einer Art „Modellfall“ der britischen Streikgeschichte. Letzte Woche nämlich fuhr die Konzernleitung mit schwerem Geschütz auf. Wenn nicht der derzeitige Streik unversehens eingestellt werde – so ließen die Chrysler-Bosse ihre Arbeiter, und die britische Öffentlichkeit wissen – und sich die Arbeitsbeziehungen nicht dauerhaft verbesserten, werde man Großbritannien mit einem totalen Investitionsstopp bestrafen.

Die Arbeiter konterten, mit dem Vorwurf, hier mische sich die amerikanische Zentrale eines weltweiten Konzerns in eine Sache ein, von der sie nichts verstünde. Chrysler dementierte zwar umgehend, daß die Investitions-Drohung von Amerika angeordnet worden sei, doch niemand wollte den Beteuerungen rechten Glauben schenken.

Der Kampf nimmt unterdes an Härte zu. Die Arbeiter im bestreikten Chrysler-Werk Ryton bei Coventry versuchen ihre Kollegen in den anderen Werken mit in die Auseinandersetzung hineinzuziehen. Sie stellten Streikposten vor der Filiale in Stoke bei Coventry auf, wo die Motoren für die meisten Chrysler-Modelle gebaut werden. Die Arbeit geht dort zwar in reduziertem Umfang weiter, doch wird die Auslieferung bereits unterbrochen. Das dürfte in wenigen Tagen dazu führen, daß die Montagefließbänder in den meisten Chrysler-Werken in Großbritannien stillstehen.

Die Verschlechterung des Arbeitsklimas in den britischen Chrysler-Werken hat allerdings tiefere Ursachen: Die britischen Chrysler-Arbeiter hegen tiefes Mißtrauen gegenüber der zunehmenden Amerikanisierung des Managements.

Erst 1967 war Chrysler in das vor 50 Jahren gegründete Autounternehmen „Rootes Motors“ mit einer Finanzspritze von zehn Millionen Pfund eingestiegen. 1970 erweiterte Chrysler sein britisches Engagement um weitere zehn Millionen Pfund, das Unternehmen firmierte in Chrysler um.

Doch erst Anfang dieses Jahres wurde die amerikanische Beteiligung auf 100 Prozent ausgeweitet. Und es rückten immer mehr Amerikaner in die Spitze der Geschäftsführung ein. Als gerade zu Beginn der Auseinandersetzung zwischen Arbeitern und Unternehmen Lord Rootes – Chef der Gründerfamilie – seinen Vorstandssessel räumte, mochten die Arbeiter nicht mehr an eine Zufälligkeit der Ereignisse glauben.

Denn ausgerechnet der Amerikaner Gilbert Hunt, der den Sessel des Lord einnahm, hatte den Arbeitern den totalen Investitionsstopp angedroht.