ARD, Freitag, den 15. Juni: „Cannon, Der letzte Flug“

Selbst unter der Voraussetzung, daß man in den aus den USA importierten Krimi-Serien nur Zeittotschläger nach dem Schema F erblickt, vom Band produzierte Stromlinienverschnitte, in denen die Anwesenheit von menschlichen Resten darüber hinwegtäuschen soll, daß es eigentlich nur um sattes Türenschlagen von Großlimousinen und Sportwagen, um Leitmotivsound aus dem Abfall der Popmusik, um Kinnhaken, Luxusinterieurs und die Vorführung von Modellbienen geht – selbst dann stellt die neue Serie, „Cannon“, einen Tiefschlag dar, der die Frage aufkommen läßt, was denn die ARD-Einkäufer dazu bewegen konnte, einen derartigen Ramsch einzukaufen. Sind sie bei den Vorführungen gedoppt worden oder wurden sie von Alpträumen eines leeren Bildschirms daheim so heimgesucht, daß es ihnen genügte, wenn dieser diesmal nicht von einem alerten Mann, sondern von einem dicken Gourmand gefüllt wird?

Der neue Detektiv jedenfalls, der seinen Bauch, über dem ein Clark-Gable-ähnliches Gesicht angeblich rüde Fragen stellt, durch die Gegend watschelt, ist laut Ankündigung Feinschmecker: das amerikanische Fernsehen hat diesen Detektiv wohl in einem Moment tiefer Schwäche mit Rex Stouts Nero Wolfe gezeugt. Was die Feinschmeckerei anlangt: der Detektiv (William Conrad) belegte es, indem er in einem Schnellimbiß sichtbar neben einer Flasche Ketchup mampfend zu sehen war: Da wendet sich der Gast mit Grausen. Was die Handlung anlangt, so weht durch sie wieder jener inzwischen reichlich abgestandene Duft der großen weiten Welt: Unter einem Sportflugzeug, mit dem auch noch Kokain geschmuggelt wird, ist ein Mord nicht mehr zu haben.

Zwischendurch das Übliche, bei dem sich niemand mehr Mühe macht, auch nur die geringsten logischen Zusammenhänge zwischen die Werbespot-Versatzstücke zu tun. Also: Mann an der Bar, also hüftenschlackernde Blondine (Vorsicht! Dämonie!), also sinnlose Schüsse im Dunkeln.

Verrührt wird das Ganze mit jener auf den Hund geschundenen Alltagspsychologie, die diesmal eine Bruderliebe strapazierte. Es steht nach dieser ersten Sendung zu fürchten, daß Sheriff Cade, der die Leute schon an anderen Abenden bis zur Verblödung anödet, einen korpulenten Konkurrenten bekommen hat. Hellmuth Karasek