„Auf dem Vulkan“, Roman von Thomas Ross. Seitdem Alice Ekert-Rotholz nicht mehr ihre farbenglühenden Ostasienromane schreibt, wissen deutsche Leser kaum mehr, was man dort trinkt und trägt, wie man liebt und prachtvoll geheime Intrigen spinnt. Diese Informationslücke füllt nun ein deutscher Autor, und wenn er auch nicht so ins modische und abendgesellschaftliche Detail geht, so ist er doch ein echter Journalist, lange Ostasienkorrespondent einer Tageszeitung; seitenlange Mono- und Dialoge über komplizierte politische Machtverschiebungen sollte man seinen Helden (die so zahlreich sind, daß es ein Personenregister gibt) also verzeihen. Alles, was er sagen läßt, klingt ganz gescheit, was gewiß daran liegt, daß Frauen nicht hineinreden. Diese sind nur schön und Spitzel oder schön und Stichworte. Denn wenn der General Kresna nicht mit der Gattin eines deutschen Kaufmanns geschlafen hätte, wäre außer Korruptionsskandalen, Wahlreden, Geheimberatungen und ein paar Folterungen verschiedener Art gar nichts passiert. Der rote Faden der Geschichte: Kresna, Außenseiter und reiner Idealist, versucht die Korruption zu besiegen und Indonesien nicht zum Spielball der wirtschaftlichen Interessen des Ostens oder Westens werden zu lassen. Da er dabei gegen seine alten politischen Freunde und Lehrer agieren muß, fühlt er sich im Anblick des Sieges so schuldig, daß dem Autor nur übrigbleibt, ihn ermorden zu lassen. Das mag als klassisches Spiel auf der politischen Bühne gedacht sein, erstickt jedoch in Theorien und endlosem Gerede, ist ohne jegliche Distanz zum Thema, ohne literarische Disziplin und ohne Personen aus Fleisch und Blut geschrieben. Dem Buch fehlt bei aller Trivialität vollständig das, was der Ekert-Rotholz Millionenauflagen brachte: die nahtlose Illusion, dies sei noch ein Traumland, und damit der Genuß, sich mit den Helden identifizieren zu können. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 438 S., 26,– DM.) Sybil Gräfin Schönfeldt

„Sally“, Roman von E. V. Cunningham. Lapidar und nüchtern wie immer erzählt Cunningham auch diese Geschichte. (Sein bislang bester Roman war meines Erachtens „Der Mann, der nicht mehr töten wollte“.) Die Lehrerin Sally Dillman ist eine junge Frau, die nicht mehr getötet werden will, nachdem sich das medizinische Todesurteil – Leukämie – als Fehldiagnose erwies. Im Stadium der Verzweiflung hatte sie ihren eigenen Mörder engagiert, über einen Mittelsmann, der ihr nun nicht mehr helfen kann, weil er selber erschossen wurde. Das alles ist im Roman ausreichend motiviert. Sally vertraut sich in Panikstimmung einem Kriminalbeamten an, der ihr glaubt und zusammen mit seinem Vorgesetzten nach dem unbekannten Berufskiller in New York fahndet. Cunningham schreibt Dutzende von Thriller-Autoren in den Hintergrund ihrer jämmerlichen Gewaltideologie. Frank Gonzalez ist bestimmt einer der sympathischsten puertoricanischen Kriminalbeamten in der amerikanischen Kriminalliteratur, ein fähiger Polizist, der sich doch immer wieder selber in Frage stellt. Und das zeichnet den ganzen Roman aus, dieses verhaltene Differenzieren, das unaufdringlich und undoktrinär humane Markierungen setzt, ohne die Realitäten zu leugnen. (Aus dem Amerikanischen von Ulla H. de Herrera; Droemer Knaur Verlag, München/Zürich; 192 S., 18,– DM.) Egbert Hoehl