Erhart Kästner in Byzanz

Von K. H. Kramberg

Die Bäume müsse man dort suchen, wo sie wachsen, „die Götter nicht in einem gottlosen Lande, auf einem gottlosen Boden. Hier aber sind Götter und Helden Landesprodukte.“ Das notierte Gerhart Hauptmann 1907 in „Griechischer Frühling“, seinem oft töricht verhöhnten Erlebnisbericht über Motiv und Ertrag seiner Pilgerfahrten durch Hellas. Hauptmanns Versuch, Numinoses aus archaischen Landschaften zu lesen, wurde fortgesetzt, erweitert, vertieft von drei deutschen Schriftstellern der zwischen und nach den Kriegen mobilen Generation, die heute auf die Siebzig zuschreitet: Ernst Wilhelm Eschmann, Werner Helwig und Erhart Kästner. Ich weiß diesen Schriftstellern nach und neben Ernst Jünger eigenen Dank, weil sie mir halfen, mir die Schattenwelt, in der wir leben, umzulügen in eine Stätte, die Öffnungen nach einer Wirklichkeit besitzt, in welcher die alten Wälder noch nicht verkarstet und die toten Götter noch keine augenlosen Schaubilder sind.

Diese Durchblicke zeigte Eschmann in seinem „Griechischen Tagebuch“ (1936), es gab sie in Helwigs „Raubfischern“ und „Im Dickicht des Pelion“, Erhart Kästner fand sie als Kriegsgefangener in der afrikanischen Wüste, in seinem Griechenland, auf dem Berg Athos, auf Kreta und Delos und zuletzt in der Türkenstadt am Goldenen Horn, Europas Konstantinopel. Sein Buch –

Erhart Kästner: „Aufstand der Dinge“ – Byzantinische Aufzeichnungen; Insel Verlag, Frankfurt; 356 S., 24,– DM

– ist so wenig Gelegenheitsprosa eines flüchtigen Passagiers wie sein „Zeltbuch von Tumilad“ oder sein vor 1942 entstandener griechischer Reisebericht, der dann in „Ölberge, Weinberge“ aufging. (Daß er, der Bibliothekar von Wolfenbüttel, in jungen Jahren „Sekretär“ bei Gerhart Hauptmann war, sollte erwähnt sein.)

Auch dieser „Aufstand der Dinge“ hat das Pathos der ruhigen Kontemplation sogar dort noch, wo die Prosa atemlos oder schweratmig wird. Der Autor verharrt vor den Bildern, die, sein Denken bewegend, ihre Geschichten erzählen, und vor diesen Bildern muß auch der Betrachter, der Leser verweilen. Diese Sehweise ist nicht impressionistisch, sondern entziffernd. Was sie wahrnimmt, hat Suchbildcharakter.