Von Bernd Güther

Die Sozialwissenschaften hatten schon immer ein gebrochenes Verhältnis zur Arbeiterschaft. Stets standen sie einander gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüber. Der „Verein für Socialpolitik“ mag da als Paradigma jener fortdauernden kathedersozialistischen Arroganz gelten. Arbeiter zu sein, schien den Wissenschaftlern so selbstverständlich, daß die Analyse ihrer Lage keiner Mühe wert galt. Die „Objekte“ selbst mußten Staat und Wissenschaft daran erinnern, daß politische Reformen und wissenschaftliche Erkenntnisfreude in dem Maße aktiviert werden, wie die Arbeiter als Subjekte sich zu artikulieren gelernt hatten.

Auch die Soziologie der Bundesrepublik durchlief Zyklen des Erkenntnisinteresses. Bis zur Mitte der fünfziger Jahre etwa konzentrierte sich das Interesse primär auf die Industriearbeiterschaft bei weitgehender Vernachlässigung anderer großer sozialer Gruppen. Theodor Geiger und Helmut Schelsky können als Hauptvertreter jener später gängigen These von der Integration der Arbeiter in die kapitalistische Gesellschaft und deren strukturelle (soziale Unterschiede nivellierende) Veränderung gelten. Dann rückte die Analyse der ökonomisch-sozialen und politischideologischen Verhältnisse der Angestellten in den Vordergrund – eine Kehrtwendung, die Dahrendorf Anfang der sechziger Jahre veranlaßte, von den Arbeitern als einer Gruppe zu sprechen, über die mehr Vorurteile als Kenntnisse bestünden.

Die gesamtwirtschaftlichen Strukturveränderungen und deren Auswirkungen auf den industriellen Produktions- und Arbeitsprozeß erweckten ebenso wie die politischen Veränderungen ein erneutes Interesse der Sozialwissenschaft an der Analyse der sozialen Lage der Industriearbeiter. Es sei hier nur auf das neunbändige RKW-Projekt „Wirtschaftliche und soziale Aspekte des technischen Wandels in der Bundesrepublik Deutschland“ (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt) verwiesen. Allerdings beschränkt sich die hierin enthaltene Studie von Kern/Schumann über Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein auf die betrieblichen Arbeitsbedingungen der Arbeiter. Sie hat jedoch der vor mehr als zehn Jahren erschienenen Studie von Popitz/Bahrdt über das Gesellschaftsbild des Arbeiters (J. C. B. Mohr Verlag, Tübingen) voraus, daß sie die Interdependenzen von betrieblichen Arbeitsbedingungen und Bewußtseinsformen besser berücksichtigt.

Der Materialband von

M. Osterland u. a.: „Materialien zur Lebens- und Arbeitssituation der Industriearbeiter in der BRD.“ Studienreihe des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI); Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1973; 389 S., 12,– DM

stellt sich dagegen die Aufgabe, an Hand der amtlichen statistischen Quellen ein authentisches Bild der – wenn man so will – „gesamtgesellschaftlichen Lage“ der Arbeiterschaft nachzuzeichnen. Freilich muß man sich selbst einmal mit dem statistischen Material zu diesem Komplex befaßt haben, um den fragenden Vorwurf der Autoren zu verstehen: „Ist es wirklich wichtiger, geheim über das Ausland aufzuklären als öffentlich über die Verhältnisse im Inland?“ Diese Bemerkung, gefallen auf der 4. Internationalen Arbeitstagung der IG Metall zur „Qualität des Lebens“, trifft auf die völlig unzureichenden amtlichen Statistiken leider voll zu. Dennoch geben die Autoren einen umfassenden Überblick über die vorhandenen Daten.