In Österreich kann dem Urlaubsreisenden im eigenen Auto folgendes widerfahren: Er wird von einer polizeilichen Routinekontrolle angehalten, der Wagen auf Mängel untersucht. Man hindert ihn am Weiterfahren. Die Autopapiere werden eingezogen. Strafen drohen. Möglicherweise ist das Fahrzeug aber noch wenige Tage vorher beim deutschen Technischen Überwachungsdienst ohne Beanstandung geblieben. Doch nach österreichischen Vorschriften ist das Auto nicht verkehrssicher. Im Nachbarland ist die hierzulande festgesetzte Reifenprofiltiefe von einem Millimeter nicht mehr zulässig, österreichische Mindestnorm: 1,6 Millimeter.

Westdeutsche Autofahrer rollen in diesem Urlaubssommer wieder einmal, zumeist ahnungslos, einer ungeregelten Zukunft entgegen. Ihre Hoffnungen auf eine einheitliche europäische Verkehrsordnung sind trügerisch. Die mutmaßliche Übereinkunft von Verkehrsvorschriften und Übertretungsnormen ist eine Schimäre. Auf den Fahrstraßen zwischen Bonn und Paris, Amsterdam und Rom herrscht der Partikularismus wie zur Zeit des Nationalökonomen Friedrich List. Das war das Ergebnis eines vom ADAC in München arrangierten Pressegesprächs mit Polizeioffizieren aus Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Unmittelbar vor Beginn der Reisesaison 1973 wurde abermals deutlich, daß Auslandsreisende im eigenen Auto gut beraten sind, die jeweiligen Verkehrsvorschriften mit Sorgfalt zu studieren.

Natürlich darf man nicht zu schnell fahren. In einigen Nachbarländern ist aber auch das Gegenteil strafwürdig. Wer Landschaften oder gar Sehenswürdigkeiten im gemächlichen Vorüberfahren genießt, kann mit der Polizei in Konflikt kommen. In den Niederlanden werden Autobummler ermahnt, in Österreich gibt’s einen Denkzettel. Sie werden für eine bis zwei Stunden aus dem Verkehr gezogen und bestraft (mindestens sieben Mark).

In den Niederlanden darf man nicht auf der Standspur halten. Bei einem Unfall muß die Fahrbahn geräumt werden, auch wenn die Polizei noch nicht erschienen ist. In Italien fährt man in Unterführungen und Galerien mit Fernlicht. In der Schweiz gilt in Ortschaften die Geschwindigkeitshöchstgrenze von 60, auf den Straßen, außer Autobahnen, Tempo 100. In Frankreich verlieren die vorfahrtsberechtigten Nationalstraßen in den Städten und Dörfern ihre Priorität. Dann gilt, wie in den Niederlanden, rechts vor links.

In der Hauptreisezeit sollen Autofahrer tunlichst nachts oder am frühen Morgen fahren. Die Eidgenossen empfehlen, im eigenen Interesse die zumeist ignorierten Umleitungssignale zu beachten. Frankreichreisende sollten den jeweils ersten und letzten Tag der Ferienmonate Juli und August meiden wie ein schnell wirkendes Gift. Am Brenner (3000 Autos in der Stunde) wird der Verkehr sich in diesem Jahr wohl zügig abwickeln.

Die Handhabung schwerer Verkehrsdelikte ist höchst unterschiedlich. Alkohol am Steuer ist in allen Ferienländern strengstens untersagt, die Promillegrenze liegt fast ausnahmslos bei 0,8 (in Holland demnächst 0,5). In Frankreich und Italien gibt es jedoch keine Routinekontrollen, Strafverfolgung erst bei vollendeten Tatsachen. In Italien sind Blutentnahmen unüblich, in Österreich kann man sich widersetzen, sollte das aber wohlweislich nicht tun. Bezechte Autofahrer, auf frischer Tat ertappt, zahlen Strafmandate ab 700 Mark. Eine Verweigerung der Blutuntersuchung zieht ein Gerichtsverfahren mit einem Strafmaß von mindestens 4500 Mark nach sich.

Vor den Praktiken der österreichischen Polizei kann man Autofahrer in ihrer Urlaubsseligkeit nicht eindringlich genug warnen. Es gibt zusätzliche Geschwindigkeitsbeschränkungen für Wohnwagenanhänger, Kinder unter zwölf Jahren dürfen nicht neben dem Fahrer sitzen, das Alarmblinken ist nur bei Pannen und nur haltend erlaubt. Auch bei dreispurigen Fahrbahnen darf, soweit frei, nur die rechte Spur befahren werden. Die abweichende Profilnorm ist geeignet, Autofahrern in Österreich den Urlaub zu verbittern. Die Polizei nimmt es sehr genau. Die Strafen sind empfindlich. Für jeden Reifen mit einer Profiltiefe von weniger als 1,6 Millimeter werden Geldbußen von 60 Mark kassiert. Die Reise darf erst mit neuer Bereifung fortgesetzt werden.