Von Heinz Josef Herbort

Sie werben mit William Shakespeare: „In Gestalt und Bewegung wie bedeutend wunderwürdig!“ Auf ihren Photos steht das Auto vor alten Mühlen oder in reifen Kornfeldern, kurvt durch Butzenscheiben-Gassen oder wartet beim Picknick am See-Ufer auf makellos kurzgeschorenem Rasen. Der Rover 3500 S der British Leyland ist, scheint’s, eine Limousine für Ästheten.

Als ich während einer Testfahrt auf der Autobahn kurz vor Kiel bei einer Geschwindigkeit um 160 Stundenkilometer in eine Kaltfront mit schlagartig einsetzenden Böen und dichtem Hagelschauer geriet, hätte sich der Wagen beinahe in eine rotierende Bewegung versetzt. Immer wenn man die unterbrochene weiße Linie der Autobahn-Fahrspurmarkierung in einem sehr spitzen Winkel anfährt, darf man sicher sein, daß das Fahrzeug sich gewissermaßen weigert, diese Linie zu berühren, und in leichtes Schlingern verfällt. Der Rover 3500 S der British Leyland ist, argwöhne ich, kein Auto für lässige Nebenbei-Raser. Dieses Auto verlangt einen konzentrierten und sicher zufassenden, reaktionsgeschwinden und bei aller Forschheit besonnenen Fahrer.

Wer einen schleswig-holsteinischen Feldweg mal alle Schlaglöcher langsam auskostend, mal ohne Rücksicht auf die Stoßdämpfer durchrasend überstand; wer die kurvige Hügelstrecke der Sauerlandlinie in kürzest möglicher Zeit zu fahren suchte; wer eine Tankfüllung lang ohne Verschnaufpause auf dem Sitz hinter dem Fahrer aushielt; wer sich bemühte, doch noch einen dritten größeren Koffer irgendwo im Wagen unterzubringen; wer sich’s leisten kann, für diese unterschiedlichen Vergnügungen knappe zwanzigtausend Mark zu zahlen, weiß: der Rover 3500 S ist ein kraftvoller und durchaus komfortabler, ein bißchen hausbacken-altmodischer, aber dafür auch eigengesichtiger und nobler Reisewagen, der seinen sportlichen Ehrgeiz angesichts doch nicht unerheblicher Bedingungen auf ein gesundes Amateurmaß reduzierte’ und nun mit etwas „Trimm-dich“-Eifer und dezenter Kosmetik sich unter den forschen Junggebliebenen hält.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die heute dem Konzern British Leyland angehörige Firma ihren „Land-Rover“ auf den Markt, eine außerordentlich geländegängige Kreuzung aus Limousine, Bulldozer und Kleintransporter, ein Vehikel für Wüstendurchquerer und Urwaldkultivierer, für Nomaden oder kleinere, aber gut verdienende Jazz-Bands. Inzwischen hat sich das Kombinationsgefährt verjüngt und verstärkt, ist auch komfortabler (und teurer) geworden und sieht nicht gleich nach Pionierarbeit in knietiefem Schlamm aus – der „Range Rover“.

Von diesem „Bullen auf Rädern“ hat auch der Rover 3500 S noch ein bißchen mitbekommen. Wie auch die Wagen der Skandinavier, die Volvos und Saabs, haben sich die englischen Autos vorbehalten, ihre Kraft und Stabilität ziemlich deutlich nach außen zu zeigen: Jaguar und Daimler, Bentley und Jensen, selbst die kleineren Triumphs und Sunbeams verbergen nicht, was in ihnen steckt.

Zum anderen kann der Rover 3500 S nicht verheimlichen, daß er zum Konzern der Jaguar- und Triumph-Hersteller gehört. Ein Rover ist gewissermaßen der Rolls-Royce des kleinen Mannes, jedes Detail, innen wie außen, verrät einen Sinn für Eleganz und Noblesse, hat eben Stil. Und daß dies mit dem nötigen Maß an vornehmer Zurückhaltung, an Understatement vorgezeigt wird, versteht sich am englischen Rande.