Ein Western, der in den oberbayerischen Bergen gedreht wurde. Ein deutscher Indianerfilm. Daß hierzulande aus diesem spezifisch amerikanischen Genre mehr zu machen sei als nur ein Surrogat aus dritter Hand, wer hätte das noch geglaubt? Doch der Münchner Jungfilmer Hark Böhm, dessen Kurzfilme „Wie starb Roland S.?“ und „Einer wird verletzt, träumt, stirbt und wird vergessen“ halbgelungene Fingerübung gen waren, nutzte in seinem ersten Spielfilm die Chance: eine Drehbuchprämie des Bundesinnenministeriums von 300 000 Mark. Auf Anhieb gelang ihm ein Film, der die Absichten der Jungfilmer, aus dem Getto elitärer Filmkunst auszubrechen und ein breiteres Publikum anzusprechen, beispielhaft verwirklicht.

„Tschetan, der Indianerjunge“ erzählt eine einfache Westerngeschichte, ohne vordergründige Effekte, vor allem auch ohne der im jungen deutschen Film verbreiteten Sucht nach Zitaten und Anspielungen auf große Vorbilder nachzugeben, psychologisch subtil, aber auch spannungsreich, gewiß mit einem Hang zu romantischer Gefühligkeit, die aber nie aufgesetzt wirkt. Zwei Außenseiter, ein Indianerjunge und ein Schäfer, lernen im gemeinsamen Kampf gegen einen Rancher gegenseitiges Verständnis und Achtung des anderen, die Uberwindung der rassischen und kulturellen Gegensätze und schließlich auch des Altersunterschieds. An die Stelle des anfänglichen Herrschaftsverhältnisses zwischen den beiden treten Freundschaft und Gleichberechtigung.

Böhm geht hier freilich nicht mit einem wohlfeilen Anliegen hausieren. All das entwickelt sich aus den Situationen, den Angelpunkten seiner Geschichte, den Figuren selbst.

Auf der Suche nach einem Weideplatz, für seine Herde kommt der Schäfer Alaska um 1880 nach Montana, in ein Gebiet, in dem die Indianer weitgehend ausgerottet oder in unwirtliche Reservate zurückgedrängt sind. Auf die Ausbruchsversuche hungernder Indianer antworten die weißen Rancher nach der Devise: Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer. Alaska braucht einen Pferch, um seine Herde zu schützen. Er befreit den von einem Rancher gefangenen Indianerjungen Tschetan, der den Pferch bauen soll. Doch Tschetan versucht immer wieder, auch dem Schäfer zu entfliehen.

Das gegenseitige Mißtrauen scheint unüberwindlich: Tschetan ist für den Schäfer zunächst nur eine Arbeitskraft, ein Ausbeutungsobjekt, dieser für den Indianerjungen zwangsläufig kein anderer Feind als der Rancher. Erst als Alaska dem Jungen in einem niedergebrannten Indianerlager hilft, die Toten nach indianischer Sitte zu bestatten, beginnt dieser den Weißen zu akzeptieren. Zusammen wehren die beiden einen Angriff des Ranchers ab, zusammen reiten sie in die Berge, wo Tschetan dem Schäfer das Leben rettet: Alaska schließt sich Tschetan an, der mit zwei Indianern nach Kanada zieht.

Mit viel Einfühlung charakterisiert Böhm die beiden in ihrem Verhältnis zur Umwelt. Die Landschaft, die Tiere, all das, dem sie begegnen oder mit dem sie hantieren, legt ihre Eigenheiten bloß. Marquard Böhm spielt den Alaska ganz unverkrampft, mit intensivem Ausdruck, aber ohne große Gesten. Der kleine Kalmücke Dschingis Bowakow ist der Glücksfall eines noch unverbildeten Kinderdarstellers: Mit der gleichen natürlichen Gewandtheit meistert er mutige Reitszenen und karge, mehr mit den Augen als mit den Worten ausgetragene Dialoge. Daß man manchmal merkt, mit welch beschränkten finanziellen Möglichkeiten Böhm diesen Film realisierte, tut der Sympathie für seine Fabulierfreude keinen Abbruch.

Böhms Film ist nicht nur seit Jahren der erste Film, der auf die von der Filmindustrie völlig vernachlässigten Interessen jugendlicher Zuschauer ernsthaft und nicht oberflächlich eingeht. Er könnte auch dem diskreditierten Begriff „Familienfilm“ einen neuen Sinn geben. Denn kaum jemand wird sich dieser glücklichen Mischung aus emanzipatorischer Persönlichkeitsentfaltung und spannender Unterhaltung unberührt entziehen können. Daß die etablierte Verleihbranche diesen Film dennoch ignoriert, beweist schließlich nur die Unaufrichtigkeit der ständig erhobenen Forderung, die Jungfilmer sollten doch das breite Publikum berücksichtigen.

„Tschetan, der Indianerjunge“, inzwischen von der Evangelischen Filmgilde zum „Film des Monats“ erklärt, vom Filmfestival in Moskau als westdeutscher Wettbewerbsbeitrag nominiert, voraussichtlich auch beim Festival in Locarno zu sehen, wird jetzt vom Filmverlag der Autoren ins Kino gebracht. Selbst größere; sonst dem jungen deutschen Film nicht sehr gewogene Filmtheater beginnen sich für Bohms Film zu interessieren. Wolfgang Ruf