Von Jürgen Kramer

Washington, im Juni

Noch ehe sich Richard, Nixon und Leonid Breschnjew am vergangenen Montag zu ihrer ersten Gesprächsrunde ins Weiße Haus zurückzogen, hatten die Amerikaner bereits für sich beschlossen, daß dieses Gipfeltreffen eigentlich keines besonderen Aufhebens wert sei. Nirgendwo war bis zum Eintreffen des sowjetischen Parteichefs auch nur andeutungsweise gespannte Erwartung, geschweige denn die Faszination zu bemerken gewesen, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges jedes amerikanisch-sowjetische Gipfeltreffen begleitet hatten. Der völlig undramatische Beginn der Breschnjew-Visite zeigt, daß die Beziehungen zwischen den beiden Supermächten normal zu werden beginnen.

Die Gelassenheit der Amerikaner drückt die Zuversicht aus, daß der Kalte Krieg schon vor einem Jahr in Moskau endgültig den Historikern überlassen worden ist. Ihre mangelnde Begeisterungsfähigkeit läßt sich als ein Vertrauensvorschuß auf die Fähigkeit Nixons und Breschnjews interpretieren, die Entspannung aus der Probezeit in die Ära substantieller, gesicherter Koexistenz überzuleiten.

Daß die Entdramatisierung der Gipfeldiplomatie durchaus nicht für alle Beteiligten eine Selbstverständlichkeit ist, zeigte die Reaktion der nach Washington angereisten sowjetischen Journalisten. In einer kuriosen Verwechslung von Wunsch und Wirklichkeit berichtete der Korrespondent der Prawda nach Moskau: „Buchstäblich überall in den USA hört man in diesen Tagen, wie sich die Leute über den bevorstehenden Besuch Leonid Breschnjews, seine Aussichten, seine Bedeutung unterhalten.“ Es scheint, als sei die sowjetische Presse Opfer ihres eigenen, taktisch motivierten Herunterspielens der Watergate-Affäre vor ihren Lesern geworden. Denn worüber man sich in den USA seit Tagen und Wochen allenthalben unterhält, war nicht der Besuch Breschnjews, sondern die Frage, wo der Watergate-Skandal schließlich enden werde. Und ausgerechnet in dem Augenblick, als Nixon und der sowjetische Parteichef ihren einwöchigen Gipfeldialog eröffneten, trieb die Untersuchung der Watergate-Affäre vor dem Senatskomitee Sam Ervins mit der Vernehmung von Nixons Rechtsberater John Dean einem neuen, für den Präsidenten höchst peinlichen Höhepunkt zu.

Dennoch deutet nichts darauf hin, daß die Mehrheit der Amerikaner Nixons Fähigkeit beeinträchtigt sehen, mit dem sowjetischen Parteichef kompetent und gegebenenfalls auch hart zu verhandeln. Zwar wird nicht in Abrede gestellt, daß Nixons Glaubwürdigkeit und Autorität durch den Watergate-Skandal enorm gelitten haben. Aber dieser Vertrauensverlust berührt fast überhaupt nicht den Außenpolitiker Nixon. Die Amerikaner sind pragmatisch genug, um zu wissen, daß gegenwärtig niemand anders die Interessen des Landes gegenüber der Sowjetunion so souverän wahrnehmen könnte wie Richard Nixon im Verein mit Henry Kissinger.

Ob dies allerdings innenpolitisch zu Buch schlagen wird, ist ungewiß. Um von vornherein dem Vorwurf den Boden zu entziehen, der Watergate-Skandal habe seine Haridlungs- und Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Breschnjew vermindert, hatte Nixon zwei Tage vor dem Eintreffen des sowjetischen KP-Chefs Henry Kissinger mit der durchschaubaren Absicht vor die Presse geschickt, die Erwartungen der Öffentlichkeit zu dämpfen. „Wir erwarten“, hatte Kissinger gesagt „daß diese Gipfeltreffen in Zukunft regelmäßige Charakteristiken der internationalen Diplomatie werden und daß die Durchbrüche, die wir in den letzten Jahren erzielten, in diesem und in künftigen Zusammentreffen durch eine Serie konkreter Schritte gefestigt werden, und zwar auf eine Weise, die immer vertrauter und gewohnter werden wird.“