Der Rücktritt der Regierung Andreotti beschleunigte den Kursrückgang der Lira

Seit Wochen wiederholt sich das Spiel: An der Mailänder Börse wurden montags große Mengen Lire angeboten, der Kurs fiel und die Lira holte bis zum Wochenende einen Teil der Verluste auf, um am nächsten Montag jeweils auf eine tiefere Stufe zu sinken. Fast unmerklich hatte die italienische Währung auf diese Weise seit der Einführung des doppelten Währungsmarktes am 22. Januar gegenüber der Deutschen Mark ein Viertel ihres Wertes verloren.

Mit dem Rücktritt der römischen Regierung am 12. Juni wurde dieser Kreis unterbrochen. Von da an ging es mit der Lira ruckartig abwärts. Nach einem „schwarzen Donnerstag“ an den Devisenbörsen erreichte die Lira-Abwertung ein Drittel gegenüber der Deutschen Mark. Selbst der Dollar wird heute in Italien höher bezahlt als vor zwei Jahren.

Von Inflationsfurcht gepackt, versucht jedermann die Lire möglichst schnell loszuwerden. Die Grundstückspreise steigen in schwindelnde Höhen. An der Aktienbörse sind die Kurse innerhalb Jahresfrist um 60 Prozent gestiegen. Obgleich die Wirtschaftslage vieler Unternehmen verzweifelt ist, wie in den Zeiten der großen Kapitalflucht Ende der 60er Jahre, wird das Geld säckeweise ins Ausland geschleppt – oder noch häufiger: Aus dem Ausland fällige Zahlungen kommen nicht nach Italien hinein.

Gleichzeitig ist der Devisenbedarf für Importe erheblich größer geworden. Italien steht am Anfang eines neuen Konjunkturaufschwungs. Die im vergangenen Jahr bis auf den Grund geleerten Rohstofflager müssen gefüllt werden. Der Inlandskonsum beschleunigt sich. Da das Land einen großen Teil der Nahrungsmittel einführen muß und die Preise am Weltmarkt sowohl für Rohstoffe wie für Lebensmittel kräftig gestiegen sind, brauchen die italienischen Einkäufer zusätzliche Devisen. Dazu kommt, daß auch kleine Spekulanten den Rohstoffmarkt als Operationsfeld für schnellen Gewinn entdeckt haben. In Scheunen und anderen Notunterkünften werden Wolle und Baumwolle, Metalle und Ölprodukte, Leder und Holz gestapelt.

Der Export, Italiens große Wirtschaftshoffnung, ging indessen durch Metall-, Textilarbeiter- und Zollbeamtenstreiks zurück. Das Ergebnis ist für die ersten vier Monate dieses Jahres ein Außenhandelsdefizit von 900 Milliarden Lire (über vier Milliarden Mark) gegenüber 105 Milliarden Lire in der gleichen Vorjahreszeit.

Zwar hat die Notenbank versucht, durch dirigistische Eingriffe den Devisenabfluß zu stoppen und den Zufluß zu beschleunigen, aber die Anordnung, Exportvergütungen schneller abzuliefern und Devisen zur Zahlung der Einfuhr nicht schon monatelang vor dem Empfang der Waren anzufordern, war bisher ein Schlag ins Leere. „Wer internationale Zahlungsgewohnheiten geltend macht oder den Konkurs eines Exportkunden nachweist, kommt von diesen Vorschriften frei“, weiß das Wirtschaftsblatt, „XXIV Ore“ zu berichten. Sogar die Touristendevisen, auf die Italiens Währungsbehörden in dieser Saison besonders sehnsüchtig hoffen, scheinen zum Teil unter der Hand in Hotels, Wechselstuben oder sonstwo zu versickern. Sie tauchen privat unter.