Weil die Kieler Bucht 1972 Olympia-Revier war, hatte die Kieler Woche, Deutschlands größte Segelsportveranstaltung, in den vier Jahren davor und vor allem 1971 und 1972 wie von selbst internationalen Ruf und Rang. Aus aller Welt kamen Segler, um Wetter- und Strombedingungen auf den Kieler Bahnen kennenzulernen und sich in den Kieler-Woche-Regatten auf den Kampf um Olympiamedaillen vorzubereiten. Nun aber liegt Olympia achteraus; und die Frage ist, wie die Kieler Woche gleichsam aus eigener Kraft auf Erfolgskurs bleiben kann.

Antwort Nr. 1: Es sind ja nicht nur die „Silberpötte“ aus Kaisers Zeiten und die vielen anderen Trophäen auf der reichbestückten Preistafel, die hervorragende Segler auch des Auslandes anlocken. Entscheidend für einen erstklassigen Sportler ist es, daß man ihm erstklassigen Sport bietet; und das heißt, daß ein Kieler-Woche-Sieg nur dann von internationalem Wert ist, wenn er gegen die besten Rivalen errungen wird. Die Kieler Woche mithin muß dem Hochleistungs-Segelsport Vorrang einräumen.

Antwort Nr. 2: Es gibt kein anderes deutsches Segelrevier, das so vielen Booten und Bootsklassen so günstige Wettkampfbedingungen bietet. Auf vier Bahnen segeln diesmal dreizehn Klassen; hinzu kommen die Regatten der großen Yachten auf den Seebahnen. Die Wettfahrtorganisation, die sich jetzt auf die großzügigen Olympia-Anlagen stützen kann, ist trotz mancher Kritik ausgezeichnet. Die Kieler Woche bietet also nach wie vor und wahrscheinlich mehr denn je für jeden Segler die große Chance, sein Können unter besten Bedingungen zu erproben.

Die Qualität der Kieler-Woche-Regatten darf nicht unter der Quantität leiden; doch neben den berühmten Seglern, von denen viele schon im Wind des Professionalismus liegen, brauchen die anderen, die nicht ganz so berühmt sind, durchaus nicht in Lee zu geraten.

Die Star- und Drachenboote sind zwar in den olympischen Ruhestand versetzt worden; ihren Seglern aber bleibt der Trost, daß sie in der Kieler Woche weiterhin mit wertvollen Trophäen bedacht werden, die Drachenboot-Segler zum Beispiel mit dem legendären Felka-Preis, einer noch aus der kaiserlichen Ära stammenden, heute pop-protzig wirkenden Silberbowle. Gespannt ist man auch darauf, ob und wie bewährte Steuerleute dieser beiden Klassen sich als „Umsteiger“ im Soling und im Tempest durchsetzen können. In den Blickpunkt rücken zudem die beiden neuen Olympia-Klassen: die 470er-Jolle, eine französische Konstruktion, Kunststoffrumpf, 4,70 Meter lang, zwei Mann Besatzung, und der Tornado-Katamaran, in England konstruiert, 6,10 Meter lang, ebenfalls zwei Mann; mit diesem Doppelrumpfboot kommt ein bißchen Südsee-Exotik ins Programm des Hochleistungssegelns.

Und last not least werden jene Yachten, denen kaum ein Zuschauerboot folgt, diesmal viel Aufsehen erregen: Es sind die see- oder gar hochseetüchtigen Schiffe, die zum Teil soeben in der Nordsee-Woche die Wettkampfsaison eröffnet hatten. Für ein hochsportliches Dutzend von ihnen gab es in den Regatten vor Helgoland die erste Qualifikationsserie um die Teilnahme am Admiral’s Cup. Der Admiral’s-Cup-Wettbewerb, im August Höhepunkt der Segelwoche von Cowes auf der Isle of Wight, wird alle zwei Jahre ausgetragen und gilt als Weltmeisterschaft der Seesegler, zu gewinnen nur in einer Mannschaft mit drei Yachten jeder Nation. Wer die drei deutschen sein werden, wird endgültig in der Kieler Woche entschieden. P. M.