Dieter Düding: "Der Nationalsoziale Verein 1896–1903. Der gescheiterte Versuch einer parteipolitischen Synthese von Nationalismus, Sozialismus und Liberalismus"; Studien zur Geschichte des 19. Jahrhunderts. Abhandlungen der Forschungsabteilung des Historischen Seminars der Universität Köln, Bd. 6, Oldenbourg, München/Wien 1972, 212 S., 42,– DM

Die von Theodor Schieder betreute Dissertation des Kölner Historikers Düding ist das gültige Schlußwort der Forschung zum Nationalsozialen Verein, dessen ständiger Vorsitzender Friedrich Naumann war. Naumanns überragende Persönlichkeit hielt den Verein zusammen, der faktisch eine Partei war, da er an drei Reichstagswahlen teilnahm.

Auf breiter, solide ausgewerteter Quellengrundlage untersucht Düding Vorgeschichte, Programm, ideen- und gesellschaftspolitische Ausrichtung, Mitgliederstruktur, Organisation und Pressewesen des Vereins. Zum ersten Male wurde einem westdeutschen Historiker der im Deutschen Zentralarchiv Potsdam lagernde Nachlaß Naumanns zugänglich gemacht. Eingehend erörtert Düding die Gründe für das Scheitern des Vereins. Dabei bewährt sich sein methodischer Kompromiß zwischen systematischer und chronologischer Darstellung. Frühere Arbeiten, wie Martin Wencks "Geschichte der Nationalsozialen", 1905, und Joachim Gaugers "Geschichte des Nationalsozialen Vereins", 1935, sind damit überholt. Ihre Quellenbasis war zu schmal, nichtoffizielle Vereinsdokumente konnten sie nicht verwerten.

Wende, zeitweilig Sekretär des Vereins, hatte sich zur Verschwiegenheit über Inoffizielles verpflichtet, Gauger standen die Nachlässe führender Nationalsozialer und die von Düding ebenso benutzten Akten der politischen Polizeibehörden nicht zur Verfügung. Auch Heuss’ warmherzige Biographie des väterlichen Freundes Naumann mußte korrigiert werden. Auf dem Hintergrund der gesellschaftlich-politischen Antagonismen des Kaiserreiches zeigt Düding den Weg des Vereins von christlich-sozialem Engagement für das Proletariat über schroffe nationalsoziale Machtpolitik zur Propagierung eines industriell ausgerichteten antiagrarischen Gesamtliberalismus, der von Bassermann bis Bebel reichen sollte

Hofprediger Stöckers konservativ-junkerfreundliche, patriarchalische und antisemitische Grundhaltung teilten Naumann und seine Freunde nicht; die nichtkonservativen Christlichsozialen sammelten sich auf den Tagungen des Evangelisch-sozialen Kongresses um Naumann. Es kam zum Bruch mit Stöcker. 1894 gründeten die "jüngeren Christlichsozialen" um Naumann die Wochenschrift "Die Hilfe", im Untertitel bis 1901 "Gotteshilfe, Selbsthilfe, Staatshilfe, Bruderhilfe" : Noch waren die christlichen Ideen sehr stark.

Max Webers Freiburger Antrittsvorlesung (1895), die den Staat als weltliche Machtorganisation charakterisierte und die Rede des Kirchenjuristen Rudolf Sohm "Der Christ im öffentlichen Leben", im September 1895 auf dem Posener Kongreß für Innere Mission gehalten, die Staat und Christentum scharf trennte ("Der Staat ist ein Heide"), stärkten Naumanns Neigung, in nationaler Machtpolitik das Politische überhaupt zu sehen. Durch Zitate belegt Düding, daß es sich dabei für Naumann keineswegs um einen plötzlichen Bruch mit seiner eigenen Vergangenheit handelte. Naumanns Vorschläge gingen mit geringfügigen Veränderungen in das Programm ein; der Paragraph 1 der "Grundlinien" umreißt, was die Nationalsozialen wollten: "Eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen." Die großen Ideen des 19. Jahrhunderts sollten in einer übergreifenden Synthese verbunden werden: Nationalismus und Sozialismus. Freiheitlichkeit und soziale Verbesserungen im Innern, Ausdehnung des Reichstagswahlrechtes auf Landes- und Kommunalvertretungen, Eintreten für Gewerkschafts- und Genossenschaftsarbeit und zugleich für Flottenrüstung, Kolonialpolitik, unbedingte Kaisertreue – ein schwieriges Unterfangen. Düding sieht wohl zutreffend in dieser klassenpolitischen Zwitterstellung zwischen einer sozialen Politik im Innern und einer machtpolitischen, ja im weiteren kraß imperialistischen Außenpolitik den Grund für den – unvermeidlichen – Mißerfolg.