Kiel

Das Thema seines Vortrags „Grundgesetz in Not?“ hatte Hamburgs Altbürgermeister Professor Herbert Weichmann mit Fragezeichen versehen. Die Antwort darauf gab nicht er, sondern eine Gruppe kommunistischer Studenten der Kieler Universität. Mit Sprechchören „Volksfeinde raus“ und Pfiffen, schließlich auch Handgreiflichkeiten wurde der verdiente Sozialdemokrat am Freitag vergangener Woche im Auditorium maximum der Christiana Albertina am Reden gehindert. Bleich und erschüttert verließ Weichmann, der nicht mehr als „meine Damen und Herren“ hatte sagen können, das von randalierenden Studenten besetzte Podium.

Rund 2000 Hochschüler waren gekommen, um das schon vorab angekündigte Spektaculum mitzuerleben. Eine neue Gruppe mit dem Etikett „Studenten für das Grundgesetz“ hatte sich auf dem Kieler Campus etabliert und wollte mit Weichmann und einer anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema „hat das Grundgesetz noch eine Chance“ erstmals an die Öffentlichkeit treten und – laut Flugblatt – konkret aufzeigen, daß das Grundgesetz die Möglichkeiten für zukunftsweisende Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft bietet.

Das glaubt nun der ausschließlich aus Mitgliedern der „Roten Zellen“ zusammengesetzte allgemeine Studentenausschuß an der Kieler Uni überhaupt nicht. Im Mitteilungsblatt der studentischen Selbstverwaltung „AStA info“ wurde die Veranstaltung drei Tage vorher als „Gala-Show der Reaktion“, Weichmann als Mitglied „einer stinkbürgerlichen Partei“, und die veranstaltende Studentengruppe als „verlumpter Rest an politischer Gefolgschaft von SPD und CDU“ annonciert. Die Verwirklichung der Verfassung ist in den Augen des AStA eine illusionäre Forderung, da „offene Widersprüche zwischen Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit“ bestünden. Das Grundgesetz diene letztlich den Herrschenden, die es seit 1949 ständig zu ihren Gunsten ausgehöhlt hätten.

Kiels Rektor Hans Hattenhauer wollte mit dieser Veranstaltung, deren Schirmherrschaft er übernommen hatte, „eine Solidarisierung der Mitte bewirken“. Nach seiner Meinung müsse den linksradikalen Gruppen an der Universität endlich ein starkes Engagement „demokratisch gesinnten Studenten“ entgegengehalten werden. Der Rektor machte auch kein Hehl daraus, daß auf Grund seiner Initiative die Gruppe „Student für das Grundgesetz“ gebildet wurde. Es gelte den Anfängen zu wehren, denn jede radikale Bewegung könne schnell und unkontrolliert ins Gegenteil umschlagen. Das Psychogramm der Radikalen sei schließlich gleich.

Und der Rektor behielt recht. Die AStA-Studenten besetzten das Saalmikrophon, Kameraleute wurden bedroht und am Filmen gehindert, auf dem Podium entstand zu Füßen des 77jährigen Altbürgermeisters, der im Jahre 1933 vor den Nazis nach Frankreich hatte fliehen müssen, ein Handgemenge zwischen rivalisierenden Studenten. Ein Tumult brach aus, wie ihn die Kieler Universität noch nicht erlebt hat. Parolen von angeblich anrückender Polizei heizten die Stimmung an; Professor Weichmann war sichtlich mitgenommen als er den Saal glücklich verlassen, hatte. Draußen zog er Parallelen. Mit dem Ruf „Volksfeinde raus“ hätten Nationalsozialisten seine SPD-Genossen in die Konzentrationslager gebracht oder aber zur Emigration veranlaßt. Der Totalitarismus, dem auch Weimar zum Opfer gefallen sei, fasse wieder Fuß. Zitat aus seinem nicht gehaltenen Vortrag zur „Verwirrung durch Schlagworte: Im Dritten Reich hieß es Herrschaft der Rasse und heute Herrschaft der Klasse“.

Kultusminister Braun verwahrte sich nach der studentischen Störaktion gegen „den Anspruch dieser radikalen Elemente, Sprecher und Vertreter unserer Arbeiter zu sein“. Edward Keynes, amerikanischer Politologe und Gastprofessor in Kiel, hatte in einem offenen Brief an Braun seine Empörung über den Vorfall geäußert. Rektor Hattenhauer schließlich verkündete am Dienstag, daß er Strafanzeige gegen die Studenten stellen werde. Es sei das erstemal, daß sich ein AStA der Kieler Uni offen gegen das Grundgesetz bekannt habe. Die Frage Weichmanns hätte eindeutiger nicht beantwortet werden können. R. B.