Von Gottfried Sello

In Basel ist man zuversichtlich. In Basel ist die Welt, die Kunstwelt, der Kunstmarkt noch in Ordnung, Die Selbsteinschätzung schwankt zwischen dem schweizerisch bescheidenen „S’ischt scho recht“ und „Das wichtigste künstlerische Ereignis der Saison in Europa“. Das ist insofern richtig, als in diesem Sommer weder die documenta in Kassel noch die Biennale in Venedig der Internationalen Kunstmesse in Basel den Rang ablaufen können. Und die bundesdeutsche Konkurrenz, Kölner Kunstmarkt und Düsseldorfer IKK (Internationaler Kunstmarkt für aktuelle Kunst), ist für Mitte Oktober, für die nächste Saison terminiert.

Ob die vierte Basler Internationale Kunstmesse, kurz, Art 4 73 genannt, das wichtigste oder auch nur ein wichtiges künstlerisches Ereignis war, darüber kann man streiten. Daß sie das größte kunsthändlerische Unternehmen darstellte, läßt sich statistisch beweisen. 272 Galerien aus 19 Ländern hatten sich in zwei Stockwerken der Schweizer Mustermesse einquartiert. Die Bundesrepublik lag mit 74 Teilnehmern an der Spitze, dicht gefolgt von der Schweiz mit 73 Galerien, die nächsten Plätze belegten Italien, Frankreich, die USA, England, Österreich. Spanien brachte es auf 5, Dänemark auf 2 Galerien. Israel, Japan, Venezuela waren mit je einer Galerie vertreten, ebenfalls Polen als einziges Ostblockland, mit einem etwas dürftigen Angebot abstrakter Bilder, die man fälschlicherweise als dem kapitalistischen Westen angemessenes Material kalkuliert hatte, und nun war der Leiter der Gdingener Galerie schwer enttäuscht, daß sich niemand für seine Bilder interessierte. Er sagte mir, polnische Künstler würden sich gern auch an Kunstmessen in der Bundesrepublik beteiligen, aber die Galerien hätten keinen Etat, um die Standmieten zu bezahlen.

Mit 272 teilnehmenden Galerien, das ist eine stolze Zahl, hat Basel nun tatsächlich sämtliche Kunstmärkte und -messen überrundet. Im vergangenen Jahr hatten sich nur 194 Galerien beteiligt. Aber außer der Messeleitung, die mehr Standmieten kassiert, ist niemand über diese enorme Aufwärtsentwicklung sonderlich glücklich. Die Messe dürfe auf keinen Fall noch größer werden, die Quantität ginge auf Kosten der Qualität, die Messe müsse in Zukunft gestrafft werden, erklärte Ernst Beyeler, einer der großen Schweizer Galeristen, der im Organisationskomitee der Basler Messe Sitz und Stimme hat.

Aber damit gerät die Messe in Widerspruch zum Prinzip der Liberalität, unter dem sie vor drei Jahren angetreten ist. Die Basler Kunstmesse verstand und empfahl sich als die demokratische Alternative zur Exklusivität des Kölner Kunstmarkts, auf dem nur Mitglieder des Vereins progressiver Kunsthändler und geladene Gäste zugelassen waren. In Basel konnte jeder mitmachen, wenn er nur seine Miete bezahlte, die Großen der Branche ebenso wie die Kleinen, die Progressiven wie die Konservativen. Dreimal ist das gutgegangen, bis zur Kunstmesse 1972. Der eloquente Basler Messedirektor hat es auch diesmal nicht versäumt, den freiheitlichen Geist der alten Humanistenstadt zu beschwören. Aber die Messe hat ihre eigenen Gesetze, die sich mit den Prinzipien von Freiheit und Gleichheit nicht vereinbaren lassen. Art 4 ’73 ist ihren Veranstaltern über den Kopf gewachsen. Auch die Basler Kunstmesse hat nur eine begrenzte Kapazität, und wenn die überschritten wird, dann nützt es gar nichts, neue Messehallen, ein ganzes Stockwerk dazuzunehmen, dann wird die Sache chaotisch.

Das Angebot ist dementsprechend: total unübersichtlich, der Besucher irrt durch Hallen und Gänge, verliert nach spätestens drei Stunden den Spaß an der Sache, obgleich er erst einen Bruchteil der Kojen gesehen hat, er flüchtet ins Restaurant oder zu einem befreundeten Galeristen, um sich von der Strapaze zu erholen. Es sind nur ein paar Unentwegte, die unter diesen Umständen das zweite Stockwerk erreichen, wo die vielen Newcomers, speziell aus der Bundesrepublik, ein Schattendasein fristen. Daß die kleinen deutschen Galerien, die mit erheblichen finanziellen Opfern nach Basel gereist waren, gegen diese offensichtliche Benachteiligung protestiert haben, ist verständlich. Sie haben teils wenig, teils überhaupt nichts verkauft. Wollte man sie absichtlich entmutigen, damit sie im nächsten Jahr zu Hause bleiben? Sollte auf diese nicht sehr feine Art die Zahl der Teilnehmer für die Zukunft beschränkt werden? Offiziell wurden Reformvorschläge diskutiert. Vertreter der teilnehmenden Länder sollen ins Organisationskomitee berufen werden, in dem bisher die Schweizer unter sich waren. Von deutscher Seite wurde auch auf das Beispiel des Düsseldorfer IKK hingewiesen, wo die Galerien systematisch, nach Stiltendenzen gruppiert werden: Expressionismus, Konstruktivismus, Neue Figuration, Surrealismus, Naive und so weiter. Damit würde der Ärger über ungerechte Placierung entfallen, und das Publikum hätte immerhin eine erste Orientierungshilfe.

Kommerziell ist Art 4 ’73, trotz interner Querelen, durchaus befriedigend verlaufen. Die Großen machen in Basel das Geschäft, die Kleinen sind das notwendige Übel, das demokratische Dekor. Das Geschäft wurde gemacht mit der klassischen Moderne. Von Progressivität ist nicht mehr die Rede. Die sogenannte aktuelle Kunst wird wenig angeboten und noch weniger gefragt. Der Rückzug in die gesicherten Werte scheint unaufhaltsam, Basel hat das eindrucksvoll bestätigt. Der Kunsthandel, der etablierte, hat auf die Rolle eines Promotors für neue Tendenzen verzichtet, in der er noch vor wenigen Jahren, als der Kölner Kunstmarkt gegründet wurde, brilliert hatte. Er geht auf Nummer Sicher, und er beweist damit wieder einmal ein vorzügliches Gespür für die uneingestandenen Wünsche seiner Klientel, die ihr Geld risikolos und gewinnversprechend anlegen will. Alles, was in der Kunst dieses Jahrhunderts jemals Rang und Namen besaß, wurde in Basel angeboten und zu hohen Preisen verkauft. Eindeutig lag Picasso an der Spitze, dessen Arbeiten in 32 Galerien gehandelt wurden; es versteht sich, daß sein Tod die Spekulation animiert hat. Es folgen in der Häufigkeit des Angebots die Altmeiser Mirò, Max Ernst, Dali, Vasarely.