Von Toni Lienhard

Auch andere Länder haben das Gastarbeiterproblem. Wie sie es zu lösen versuchen, zeigt diese Artikelreihe. Der erste Beitrag (ZEIT Nr. 25) schilderte die vielversprechenden Bemühungen der Schweden, die „Einwanderer“ zu integrieren. In dieser Ausgabe nun geht es um die Situation in der Schweiz.

Alle zehn Jahre gibt es in der Schweiz eine Volkszählung. Die jüngste von 1970 ergab folgende Zahlen: 6,27 Millionen Einwohner, davon 5,19 Millionen Schweizer und 1,08 Millionen Ausländer.

Für die einen spricht aus diesen Zahlen eine groteske Überfremdung, für die anderen ist die hohe Zahl der Fremdarbeiter eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit. Die einen verlangen von der Regierung einen massiven Abbau der Fremdarbeiterzahl, die anderen prophezeien den wirtschaftlichen Ruin des Landes, wenn die Regierung nicht jedes Jahr eine Erhöhung der Fremdarbeiterzahl gestattet.

Man unterscheidet in der Schweiz vier Kategorien von Ausländern. Ihre Rechte sind im 1965 ratifizierten „Italiener-Abkommen“ (dessen Normen auch für Ausländer aus anderen Staaten gilt) festgelegt. Die vier Ausländerkategorien sind:

  • Grenzgänger: keine Aufenthalts-, sondern nur eine Arbeitsbewilligung. Kein Recht auf eine spätere Aufenthaltsbewilligung.
  • Saisonarbeiter: Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für eine Saison von neun bis elf Monaten. Nach Ablauf der Saison müssen sie die Schweiz verlassen und dürfen im nächsten Jahr wiederkommen. Nach fünf Jahren Saisonarbeit von mindestens total 45 Monaten können sie Jahresaufenthalter werden. Recht auf Familiennachzug haben sie nicht.
  • Jahresaufenthalter: Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen für das ganze Jahr mit jeweiligen Verlängerungen. Recht auf Familiennachzug bis 1965 nach fünf Jahren, 1965 bis 1972 nach 18 Monaten, seit Oktober 1972 nach 15 Monaten.
  • Niedergelassene: Unbefristete Bewilligungen, gleiche Rechte wie die Schweizer mit Ausnahme der politischen Rechte.

Die Fremdarbeiterpolitik der Schweiz erlebte in jüngster Vergangenheit drei heiße Phasen. Die erste fand in den Jahren 1964/65 statt und war geprägt durch den Abschluß des Italiener-Abkommens und die erste Fremdarbeiterinitiative. Vor den Verhandlungen zum Italiener-Abkommen hatten die italienischen Arbeitskräfte in der Schweiz, die damals den weitaus größten Teil der Fremdarbeiter stellten (heute noch knapp über 50 Prozent), sozusagen keine Rechte. Erst mit dem Abschluß des Italiener-Abkommens wurden die oben erwähnten Rechte für die vier Kategorien von Fremdarbeitern eingeführt. Den Schweizern wurde nun langsam klar, daß die Anwesenheit der Fremden im Lande kein Übergangsphänomen war, sondern langfristig mit immer mehr Ausländern gerechnet werden mußte.