ARD, Sonntag, den 24. Juni: „Tatort – Weißblaue Turnschuhe“ von Herbert Rosendorfer

Während der ZDF-Kommissar in mehr und mehr abschlaffenden Folgen damit beschäftigt ist, väterlich-autoritär und mit geschmerztem Hundeblick auf die Schlechtigkeit der Welt herabzuschauen, entwickelt sich die ARD-Serie „Tatort“, besonders dann, wenn sie südlich des Weißwurst-Äquators entsteht, immer stärker zu einem Idiotikon der Dialekte: „Tatort“ ist der ständig geführte Nachweis, daß sich Verbrecher auch mittels Mundart dingfest machen lassen. Und weil der ZDF-Kommissar in der Person Erik Odes ein sozusagen natürliches Zentrum und Bindeglied hat, eifern die einzelnen Tatort-Folgen immer krampfhafter nach Verbindungslinien: Jetzt mußte also, um den Seriencharakter zu wahren, der Saarbrücker Kommissar zusammen mit seinem Münchner Kollegen Urlaub am Chiemsee machen. Eine optische Vetternwirtschaft, die den Kollegen vom anderen Sender mit viel Zeit-totschlage-Mühsal in den Nachbarkanal zerrt.

Diesmal also gab es viel Münchner Lokalkolorit und viele Gstanzeln auf die raunzende bayerische Gemütlichkeit: Das Zamperl in Form eines individuell ungehorsamen Dackels, die Halbe Bier, die Brotzeit, Valentin-Scherze für Eingeweihte – Herbert Rosendorfer hatte als Autor nicht nur seine richterliche Berufserfahrung eingebracht, sondern auch seine Vorliebe für die Schnörkelei, für das detailverliebt Gedrechselte: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s.

Es mag sein, daß es „in Wirklichkeit“ ähnlich zugeht wie bei Rosendorfer, daß also ein kleiner Zufallsfisch einen großen Hecht ins Netz treibt. Doch die Geschichte von dem armen bayerischen Mütterl, das – eine erzählfreudige Nervensäge – den Kommissar zum eigenen, höchstpersönlichen Eingreifen bringt, weil ihr zehn Mark mit der Handtasche von einem Stadtstreicher entrissen wurden, diese Geschichte roch trotz Rosendorfers ironischen Schlenkern penetrant nach Lohn für die gute Tat: Weil sich die Kriminalpolizei des Handtascherls annahm, fing sie schließlich auch die Millionärs-Kidnapper, wobei die Ironie unfreiwillig etwas weit getrieben wird, wenn ein Experte für Verbrecherankünfte bei der Polizei sich allein dadurch ausweist, daß er Flug- und Fahrpläne zu lesen versteht, wenn zwei Kriminalbeamte in einer Bank nicht einmal ahnen, daß der Verbrecher sein Geld üblicherweise nicht in einem Millionenbetrag vom Konto abhebt, sondern statt dessen ein Schließfach sein eigen nennt.

Das Loblied auf Bayern sollte wohl ironische Kritik enthalten, aber wenn der Kommissar Gustl Bayrhammers bauernschlaue Augenwinkel bekommt oder zu breiten Raunzereien ansetzt, dann kann man irritiert bemerken, was die Gefahr des „Tatort“-Lokaltermins ist: die Nähe zum Komödienstadl, das Augenzwinkern und Sich-indie-Brust-Werfen des „So san mir“.

Und noch eines: Die Detail Versessenheit der Serie mag zwar mit der wirklichen Polizeiarbeit mehr zu tun haben als jene künstlichen Krimiunterwelten aus Amerika. Jedoch darf man fragen, ob dieses idyllische Entlanghangeln an den Klischees der Wirklichkeit (denn Wirklichkeit selbst ist es ja dann doch nicht) dem Genre besser bekommt als der artifizielle Mut, mit dem sich beispielsweise Fullers „Tote Taube“ als Krimi nur auf den Krimi bezog. Bisher jedenfalls schwankt die „Tatort“-Serie zwischen Fullers und Menges wirksamen Kunstwelten und der Heimatidyllik, die getreu aus der angeblichen Gemütlichkeit gegriffen ist und die da jodelt, daß es auch auf der Alm eine Sünd gibt.

Hellmuth Karasek