Von Sylvia List

Der abenteuerliche autobiographische Roman eines seit 1968 in Paris lebenden Russen, vom Stoff her ein echtes Novum in der sowjetischen Literatur, verfaßt in jener neuerdings bei westlichen Thrillern so beliebten Machart der Mischung aus erfundener Handlung und akribischer Detailgenauigkeit –

Michail Djomin: „Die Tätowierten“, Roman, aus dem Russischen von Peter Urban; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 447 S., 30,– DM.

In der Sowjetunion hatte Djomin sich mit Gedichten und Erzählungen vorwiegend sibirischer Thematik einen gewissen Namen gemacht – „Die Tätowierten“ hätte er dort nie schreibet, geschweige denn veröffentlichen können, weil er darin ein Milieu schildert, das es offiziell gar nicht gibt: die sowjetische Unterwelt nämlich – also nicht den moralisch hochangesehenen und sozusagen literarisch salonfähigen politischen Untergrund, sondern die eher anrüchige Welt der Verbrecher, der „Tätowierten“ eben, der Blatnyje.

Die Blatnyje stellen, ähnlich der Mafia, eine straff organisierte Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft dar, mit eigenen Gesetzen und strengem Ehrenkodex. Im Unterschied zur Mafia leihen sie allerdings jegliche Einmischung in die Politik oder Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen strikt ab. Das geht so weit, daß ein Blatnoj, der jemals in irgendeiner Form mit den Staat in Kontakt gekommen ist – ob er nun mehr oder minder, freiwillig Kriegsdienst geleistet oder irgendwann einmal mit dem Gefängnispersonal oder der Polizei kollaboriert hat –, unweigerlich aus dem Kreis der Blatnyje verstoßen wird und als „Hündin“ gilt. Die Folge sind tödliche Feindschaften, die früher oder später, in der Freiheit, im Gefängnis oder im Lager, als „nasse Sache“, das heißt mit Mord, zu enden pflegen.

Djomin verpackt seine spürbar authentischen Kenntnisse des Milieus in die weitgehend autobiographische Geschichte Cumas, eines Jungen aus gutem Hause, der infolge der stalinistischen Säuberungen verwaist und dann unter die Räder kommt, im fast wortwörtlichen Sinne sogar: bei seiner „Arbeit“ als Majdannik (Eisenbahndieb), die ihn in den ersten Nachkriegsjahren durch den ganzen malerisch-exotischen Süden der Sowjetunion führt, reist er vorzugsweise im „Hundekasten“, einem Behältnis unter den Waggons. Von derartigen Spezialkenntnissen erfährt man überhaupt eine ganze Menge, und manches davon ist auch für unbescholtene „Freier“ durchaus brauchbar: Pfadfinderkniffe wie das Gewinnen von Feuer durch Reiben von Watte beispielsweise; nachahmenswert scheint auch die Herstellung eines Cifir genannten, berauschenden Getränks aus schwarzem Tee zu sein, das in den Lagern Sibiriens getrunken wird.

Mit diesen Straf- und Zwangsarbeitslagern macht Djomins Held ausgiebig Bekanntschaft, nachdem er 1947, knapp zweiundzwanzigjährig, geschnappt wurde. Für Cuma ist die Haft leichter zu ertragen als für manche andere: In der Gefangenschaft treten die Blatnyje erst recht geschlossen handelnd auf und genießen so, als eine Art berufsständischer Organisation und Interessenvertretung, bei dem Gefängnispersonal und der Lagerverwaltung gewisse Privilegien. Hier wird auch sehr deutlich, inwiefern sich die Situation der Blatnyje zumindest aus sowjetischer Sicht von derjenigen westeuropäischer Krimineller grundsätzlich unterscheidet: die Blatnyje sind in ihrem Selbstverständnis und Berufsstolz ziemlich ungebrochen, ohne Unrechtsbewußtsein oder Schuldkomplexe, Spezialisten, die darauf bedacht sind, möglichst sauber und erfolgreich zu arbeiten. Diese eigentümliche Integrität ist mit ein Grund für den Respekt der Oberen; bei den Blatnyje weiß man eben, woran man ist. Im Vergleich dazu sind die westeuropäischen Verbrecher alle moralisch mehr oder minder angeknackste Typen, die keine Solidarität kennen, sich in der Haft anbiedern und persönliche Vorteile herauszuschinden versuchen.