Von Marcel Reich-Ranicki

Ist es schon so weit, gibt es die von manchen seit Jahren gewünschte Thomas-Mann-Renaissance?

Allerlei Zeichen, die darauf hinzudeuten scheinen – von Viscontis „Tod in Venedig“-Verfilmung bis zu Benjamin Brittens neuer Oper –, kommen freilich aus dem Ausland. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß hierzulande das erneute Interesse für einen großen deutschen Schriftsteller oder gar seine Wiederentdeckung durch Impulse ausgelöst wird, die von Paris oder Rom, London oder New York ausgehen. So war es ja, um gleich das bekannteste Beispiel anzuführen, in den fünfziger Jahren mit Kafka, so in den Sechzigern, also in einer anderen literarischen Situation, mit Hermann Hesse.

Dabei sind die Ursachen der eher außerhalb des deutschen Sprachraums bemerkbaren Hinwendung zum Werk Thomas Manns schwer auszumachende mögen zu einem Teil mit jenem zwielichtigen Phänomen zusammenhängen, das sich nicht ganz ernst nehmen und gleichwohl nicht ignorieren läßt und das man mit dem Schlagwort „Nostalgiewelle“ zu bezeichnen pflegt.

Was sich dahinter verbirgt, ist vermutlich nichts anderes als, kurz gesagt, die Sehnsucht nach einer im Gegensatz zum Heutigen stehenden Welt, nach dem verlorenen Paradies, das freilich nie ein Paradies war. Ein vollkommenes, in sich geschlossenes episches Universum, das, mit größter Liebe bezeichnet und mit schärfstem Kritizismus beglaubigt, als eine derartige Kontrastwelt aufgefaßt werden kann, haben wohl nur zwei Romanciers unseres Jahrhunderts zu bieten: Marcel Proust und eben er, Thomas Mann.

Indes kommt es weniger auf die Umstände an, die diesen Rezeptionsprozeß ausgelöst haben, als vor allem auf die Resultate, zu denen er führen kann und führen sollte. Mit anderen Worten: Es ist nicht sehr wichtig, warum Thomas Mann neuerdings wieder Mode wird – auch Zufälle können hier im Spiel sein –, wenn sich daraus nur eine intensivere Beschäftigung mit seinem Werk ergibt und dies zur Revision mancher Urteile und Vorurteile beiträgt.

Von dem Schriftsteller Gustav Aschenbach im „Tod in Venedig“ (1912) heißt es, er habe „gelernt, von seinem Schreibtisch aus zu repräsentieren, seinen Ruhm zu verwalten, in einem Briefsatz, der kurz sein mußte (denn viele Ansprüche dringen auf den Erfolgreichen, den Vertrauenswürdigen ein), gütig und bedeutend zu sein“. Wenige Jahre später, 1916, schreibt Thomas Mann an Ernst Bertram, daß er das Verhängnis Deutschlands „längst in meinem Bruder und mir symbolisiert und personifiziert sehe“.