An den deutschen Börsen herrschte fünf Tage lang Hochstimmung. Der Paukenschlag vom vergangenen Montag, mit dem die Spekulation um einen deutschen Erdölkonzern (Gelsenberg–Veba–RWE) eingeleitet wurde, löste die Spannung der letzten Wochen. Gelsenberg, dessen amtliche Notiz bei 83,50 DM ausgesetzt wurde, stieg im telefonischen Freiverkehr prompt auf über 100 DM. Zwar ist ungewiß, zu welchen Konditionen der deutsche Ölgigant zusammengeschmiedet werden soll. Trotzdem griff die Spekulation auf alle anderen Papiere über. Die Kurse stiegen auf breiter Front.

Die plötzliche Bereitschaft zum kurzfristigen Engagement hat allerdings auch handfeste Gründe. Der Geldmarkt läuft wieder in geordneten Bahnen. Tagesgeld, für das die Banken untereinander noch vor wenigen Wochen 14 Prozent und mehr zahlten, kostete am letzten Freitag zwei Prozent. Der Zinsrückgang beflügelte auch den Rentenmarkt. Zum erstenmal seit Wochen waren Festverzinsliche wieder gefragt. Damit hat auch die für Juli avisierte zweite Tranche der Stabilitätsanleihe gute Aussicht auf Erfolg.

Die augenblickliche Euphorie sollte aber nicht zu vorschnellen Engagements verführen. Die Situation an der Preisfront hat sich keineswegs verbessert. Im Gegenteil, die Preise steigen noch immer ohne Unterbrechung. Einige Rentenhändler halten sogar die Möglichkeit nicht für ausgeschlossen, daß die plötzliche Politik des billigen Geldes eine Finte der Bundesbank sein könnte, um gut Wetter für die Stabilitätsanleihe zu machen. Die Notenbank kann den Kredithahn jederzeit wieder drosseln. Und davon wird sie rigeros Gebrauch machen – so Bundesbankpräsident Klasen –, falls die Preise nicht wirkungsvoll gebremst werden. jfr.