Nur knapp 40 Mitglieder hatte der Stamm der Elmolo am Rudolph-See in Kenia noch vor wenigen Jahren gezählt. Lebensmittelhilfe und gezielte Bevölkerungs- und Strukturplanung der Regierung in Nairobi halfen dem aussterbenden Stamm wieder auf die Beine. An den Gestaden des kenianischen Gewässers hausen mittlerweile immerhin wieder 150 Elmoloner. Diese Woche haben sie nun Besuch bekommen. Zu dem unwegsamen Rudolph-See, der nur selten Ziel weißer Safari-Expedienten oder Völkerkundler war, pilgerten in den letzten Tagen und Wochen Hunderte von Wissenschaftlern aus aller Welt mit tonnenschwerem Gerät. Ihre beschwerliche Anreise galt freilich nicht dem wiedererstarkenden Eingeborenenstamm, sondern einem Spektakel am Himmel, das in den nächsten 126 Jahren nicht wieder in diesem Ausmaß eintreten wird. Am Sonnabend dieser Woche wird sich der Mcnd zwischen Sonne und Erde schieben und das Leitgestirn unseres Sonnensystems für sieben Minuten und vier Sekunden verdecken. Es ist die zweitlängste Finsternis seit 1433 Jahren; lediglich die Himmelsverdunkelung im Jahre 1955 währte länger: um genau drei Sekunden.

Die totale Sonnenfinsternis, deren weitschwingender Schattenbogen sich in einer Breite von maximal 259 Kilometern von Guayana, über den Atlantik, Nord- und Mittelafrika bis hin in den Indischen Ozean erstrecken wird, hat schon Wochen und Monate vor dem eigentlichen Geschehen ihre Schatten vorausgeworfen und eine wunderlich anmutende Wallfahrt ausgelöst. Über 2000 Sonnenforscher aus 28 Nationen und Hunderte von wissenschaftsbegierigen Touristen fiebern dem Ereignis seit langem entgegen. Bevorzugtes Reiseziel der Verdunkelungsfans sind dabei die Sahara-Anrainer-Staaten Mauretanien, Algerien, Mali und der Niger, in denen die Totale in ihrer längsten Dauer zu beobachten sein wird.

Den Sonnen-Touristen und Astronomen, die in der Abgelegenheit afrikanischer Steppe und Wüste ihre Spezialteleskope, Photoapparate und geschwärzte Gläser auf die Finsternis am Firmament richten wollten, sahen sich allerdings gemeinsam mit einem nicht einkalkulierten Problem konfrontiert: dem Platzmangel, den nur die Landeskundigen vorhersehen konnten.

Alle, die ihren Beobachtungstand etwa im günstig gelegenen Mauretanien aufschlagen wollten und sich dazu erst vor wenigen Wochen entschlossen hatten, mußten in andere Länder ausweichen. Denn Mauretaniens Herbergen aller Kategorien verfügen nur über insgesamt 300 Betten. So kam es, daß Notquartiere in Oasen ausgemacht und Unterstände aus der Zeit der französischen Fremdenlegion reaktiviert wurden. Die wenigen verfügbaren Jeeps sind seit Wochen vermietet – für den Transport wissenschaftlicher Geräte ins Landesinnere.

Geschäfte bescherte die Verdunkelung indes nicht nur den Afrikanern. Schon vor Jahresfrist erkannte beispielsweise die Bremer Hapag-Lloyd Reisebüro GmbH die Chance touristischer Nutzung. Die Hapag-Planer charterten von der „renommierten und in Deutschland gut eingeführten“ (Werbetext) Sowjet-Reederei Baltic Shipping Company das Motorschiff „Estonia“. 200 deutsche Touristen schippern seit vergangenem Samstag auf dem 5000 BRT großen Schiff in afrikanischen Gewässern. Teilnehmerpreis der Finster-Reise, die bis zum 14. Juli andauern soll: zwischen 1735 und 4000 Mark. Für Kurzweil an Bord ist gesorgt: die „Estonia“ verfügt über Friseursalon und Freischwimmbad und über drei Bars, an denen, wie beruhigend der Werbeprospekt verheißt, „selbstverständlich auch ,westliche‘ Getränke serviert“ werden. Für die wissenschaftshungrigen Mitfahrer haben sich die Lloyd-Reise-Manager zudem etwas ganz Feines ausgedacht. Heinz Haber, Fernsehprofessor, wird als Reiseleiter Dienst tun und mit fachkundigen Erklärungen allzeit bereit sein. Aus seinem Munde werden die Touristen dann hören können, daß sie bei einer Sonnenfinsternis ein Phänomen erleben, das „einem unter die Haut geht“. Blumiger Name des gesamten Lloyd-Unternehmens: „Rendezvous mit dem Mondschatten.“

Mit einem kombinierten Badeurlaub am Indischen Ozean bietet die Hamburger „Internationale Flug und Touristik G.m.b.H.“ eine Fahrt zur „Sonnenfinsternis des Jahrhunderts“ nach Mado Gashi an; Preis inklusive Vollpension 1995 Mark: „Für reichlich Proviant und Getränke ist. gesorgt“ (Werbetext), zumindest am Samstag, wenn sich das Himmelsgestirn verdunkelt.

Der exklusivste Trip allerdings bleibt den Touristen und auch der Mehrzahl aller berufsmäßigen Sonnenkundler verschlossen: Am Samstag früh werden sieben Wissenschaftler aus den Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien in Las Palmas das überschallschnelle Passagierflugzeug „Concorde“ besteigen und dem Schatten der Sonne über Afrika zu folgen suchen. Durch vier eigens dafür eingebaute Fensterluken an der Rumpfdecke der „Concorde“ werden sie ihre Spezialinstrumente dann auf das vom Mond verdunkelte Zentralgestirn ausrichten. Dauer des Schattenflugs: 80 Minuten, länger, als alle Sonnenfinsternisse in diesem Jahrhundert insgesamt gedauert haben. Kolja Kater